Wirtschaft : Aufschwung auf Pump

Die US-Wirtschaft erholt sich wieder – aber US-Präsident Bush muss womöglich bald einen hohen Preis dafür zahlen

Sandra Louven[Washington]

Während in Deutschland die Diskussionen um Reformen, Stabilitätspakt und Arbeitszeit in eine weitere Runde gehen, ernten die Amerikaner die Früchte ihrer aggressiven Finanz- und Geldpolitik. Die aktuellen Daten belegen, dass der Aufschwung der US-Wirtschaft auf breitem Fundament steht: Export, Konsum und Investitionen ziehen an, selbst der Arbeitsmarkt kommt in Bewegung. Das Rezept für diesen Erfolg waren Steuersenkungen im Sommer sowie historisch niedrige Leitzinsen. Dies hat die Konjunkturlokomotive USA zunächst in Schwung gebracht und das Wachstum im dritten Quartal auf 7,2 Prozent beflügelt. Die Frage ist aber, wie nachhaltig dieser Aufschwung ist. Experten befürchten, dass die USA bald einen hohen Preis für den heute erreichten Aufschwung zahlen müssen.

„Fast jede Steuersenkung oder Ausgabensteigerung würde eine lahmende Konjunktur antreiben können, wenn der Vorstand der Federal Reserve eine unterstützende Geldpolitik verfolgt“, sagt William Gale von der linksliberalen Denkfabrik Brookings Institution. Die Kernfrage sei daher nicht, ob die Politik einen Wachstumseffekt erzielt habe, sondern ob es der effektivste Weg war.

Nein, glauben Gale und viele Ökonomen. Der Grund: Drei Runden von Steuersenkungen unter Präsident George W. Bush, enorme Ausgabensteigerungen für die innere Sicherheit sowie hohe Kosten für den Irak-Krieg und die Aufrüstung des Pentagon haben ein Rekorddefizit von 374 Milliarden Dollar in der Haushaltskasse entstehen lassen.

Alan Greenspan, Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, warnte vergangene Woche bereits, „die relativ optimistischen kurzfristigen Aussichten für die US-Wirtschaft“ stünden einer zunehmenden Unsicherheit der Finanzmärkte wegen der steigenden Staatsverschuldung gegenüber. Dieses Problem werde sich bald dramatisch verschärfen, wenn die erste Welle der geburtenstarken Jahrgänge, der so genannten Baby Boomer, in Rente geht. Das Haushaltsloch könne nur durch Steuererhöhungen oder Einsparungen geschlossen werden, mahnte Greenspan.

Doch davon ist der US-Kongress ein Jahr vor den Wahlen weit entfernt. So enthalten die Entwürfe für ein neues Energiegesetz zahllose kostspielige Projekte, die sich die Abgeordneten für ihre heimischen Wahlbezirke gesichert haben. Bush bürdet derweil der Staatskasse auf Jahre hinaus enorme Lasten auf, weil er sich für eine großzügige Reform der Krankenversicherung für Senioren stark macht, um sich so deren Stimmen zu sichern.

Hinzu kommt die Frage, wie schnell das Wachstumsfeuer erlischt, das Regierung und Zentralbank entfacht haben. Steueranreize sowie niedrige Kredit- und Hypothekenzinsen haben zwar die Portemonnaies der Amerikaner gefüllt und den Konsum um 6,6 Prozent im dritten Quartal steigen lassen. Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, hält diese Einkäufe jedoch für eine Art Anleihe auf die Zukunft: Käufe seien schlicht vorgezogen worden, in den kommenden Monaten würde das Konsumniveau deshalb deutlich geringer ausfallen. Für die Konjunktur wäre das Gift: Der private Verbrauch ist für zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung verantwortlich.

Gegen ein Abflauen des Aufschwungs spricht indes die geringe Lagerhaltung der Unternehmen: Sind die Läger, wie derzeit, relativ leer, bleibt Produzenten bei einer steigenden Nachfrage nichts anderes übrig, als ihre Produktion zu erhöhen. Dies führt tendenziell dazu, dass mehr Leute eingestellt werden. Genau das ist in den USA geschehen: 126000 Stellen wurden im Oktober neu geschaffen – doppelt so viele wie von Analysten erwartet. „Mehr Amerikaner mit Jobs bedeutet mehr Leute, die Geld ausgeben, was wiederum Produktion und Investitionen stimuliert“, erklärt Martin Regalia, Chefvolkswirt der amerikanischen Handelskammer.

Der Anstieg der Beschäftigung ist umso erstaunlicher, als die Produktivität, also die Leistung, die ein Arbeiter pro Stunde erbringt, im selben Quartal mit einer Jahresrate von 8,1 Prozent deutlich gestiegen ist. Die Unternehmen haben zudem ihre Ausrüstungsinvestitionen um elf Prozent gesteigert – was darauf hindeutet, dass sie zuversichtlich in die Zukunft sehen.

Alan Greenspan hilft

Schon wird in den USA spekuliert, die Fed könne bald den Leitzins wieder anheben, um zu verhindern, dass die Konjunktur überhitzt und die Inflation an Fahrt gewinnt. Die meisten Ökonomen gehen aber nicht davon aus, dass die Fed eingreift. Andrew Tilton von der Investmentbank Goldman Sachs in New York rechnet sogar damit, dass die Zinsen bis Mitte 2005 stabil bleiben werden. Historisch habe die Fed die Sätze nie kurz vor oder nach Wahlen geändert, um das Wahlergebnis nicht zu beeinflussen. „Die Fed will eine boomende Wirtschaft, um das Handelsbilanzdefizit zu schließen“, meint auch David Rosenberg von Merrill Lynch. Deshalb hält auch er einen baldigen Dreh an der Zinsschraube für unwahrscheinlich.

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