Aufschwung : Nachfrage nach Fairness

Die Konjunktur läuft wieder, die Gewinne der Firmen steigen. Die Zeit von Kurzarbeit und Verzicht ist vorbei und die Mitarbeiter wollen ihren Anteil.

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Gute Aussichten. Der Maschinenbauer Trumpf zahlt bald wieder vollen Lohn. Foto: dpa
Gute Aussichten. Der Maschinenbauer Trumpf zahlt bald wieder vollen Lohn. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Kurzarbeit und Verzicht auf Sonderzahlungen – in der Krise mussten viele Beschäftigte kürzer treten. Um ihre Arbeitsplätze auch bei schlechter Auftragslage und sinkenden Umsätzen zu sichern, machten die Belegschaften Zugeständnisse an ihre Arbeitgeber. Jetzt, wo die Gewinne wieder steigen, könnte es anders herumlaufen: Viele Betriebsräte fordern von ihren Unternehmen, die Mitarbeiter am Aufschwung zu beteiligen. Doch von einer Welle, in der Unternehmen in großem Stil Prämien ausschütten und Lohnerhöhungen vorziehen, wollen Beobachter noch nicht sprechen.

Als erstes deutsches Großunternehmen hatte Bosch vergangene Woche angekündigt, die für April vereinbarte Entgelterhöhung um zwei Monate vorzuziehen. Audi und Volkswagen Sachsen teilten mit, dies ebenfalls zu tun. Ford will die Erhöhung teilweise vorziehen. Bei Daimler steht die Forderung des Betriebsrats bereits, es wird aber noch verhandelt. Auch beim Zulieferer ZF laufen Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertretern, hier geht es – wie bei Porsche – um eine Sonderzahlung.

Der Maschinenbauer Trumpf hatte bereits am 21. Oktober angekündigt: „Mit Blick auf die guten Aussichten beendet Trumpf ab Januar 2011 die bisher geltenden Entgeltkürzungen.“ Auch das Weihnachtsgeld wird voll ausgezahlt. „Wir sind unseren Mitarbeitern dankbar, dass sie uns in schwierigen Zeiten geholfen haben, unsere Kosten im Griff zu halten“, sagte die Chefin des Familienunternehmens, Nicola Leibinger-Kammüller. „Jetzt, da es wieder aufwärts geht, sollen unsere Leute an der besseren Lage teilhaben.“

So sieht das auch die IG Metall. Es sei „ein Gebot der Fairness“, die Arbeitnehmer am Aufschwung zu beteiligen, sagte Gewerkschaftschef Berthold Huber der „Passauer Neuen Presse“. Im Metalltarifvertrag war bereits vorgesehen, dass Unternehmen, sobald es ihre Ertragslage wieder zulässt, die für April vorgesehene Tariferhöhung von 2,7 Prozent auf Februar vorziehen können. Jetzt müssen die Betriebsräte dies bei den Unternehmensleitungen einfordern. Bosch habe ein richtiges Signal gegeben, sagt Kai Bliesener, Sprecher der IG Metall in Baden-Württemberg. Jetzt seien die anderen Unternehmen am Zug. „Es werden sicher noch viele nachziehen.“ Dass dies flächendeckend passiert, erwarte die IG Metall aber nicht. Dazu sei die Ertragslage in den verschiedenen Bereichen des Maschinenbaus und der Elektrotechnik viel zu unterschiedlich. Viele Firmen seien noch längst nicht wieder bei dem Niveau von vor der Krise angekommen. Dennoch sei klar: „Je mehr Unternehmen die Tariferhöhung vorziehen, desto größer wird der Druck“, sagt IG-Metall-Sprecher Bliesener.

Eine generelle Empfehlung an die Unternehmen, sich nach der Krise nun erkenntlich zu zeigen, will der Arbeitgeberverband Gesamtmetall nicht geben. „Ob die Tariferhöhung vorgezogen wird, darüber entscheiden alleine die Betriebsparteien, und zwar je nach der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens“, sagt Geschäftsführer Michael Stahl. Aber auch er appelliert zugleich an die Fairness. „Es sollte nach den Buchstaben und dem Geist der Vereinbarung entschieden werden.“ Und die sieht eben vor, dass beide Seiten etwas einbringen.

Reinhard Bispinck, Tarifexperte der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung, spricht von wenigen Flaggschiffen, bei denen die Arbeitnehmer jetzt vom Aufschwung profitieren. Doch noch sei nicht sicher, dass daraus eine breite Entwicklung wird. Die Tarifverdienste seien zuletzt nur um 1,3 Prozent gestiegen. „Das liegt nur wenig über der Inflationsentwicklung“, sagt Bispinck. „Was wir jetzt sehen, sind kurzfristige Effekte, aber noch kein großes Anspringen der Löhne.“ Dass Unternehmen nach der Krise auf die Arbeitnehmer zugehen, weil sie sich – den drohenden Fachkräftemangel im Blick – als besonders attraktive Arbeitgeber zeigen wollen, glaubt Bispinck nicht. „Ich halte es für überzogen, das Vorziehen von Tariferhöhungen oder das Zahlen von Prämien als systematisches Element im Kampf gegen den Fachkräftemangel zu sehen.“ Fachkräftemangel gebe es im Übrigen nicht über alle Branchen und über alle Facharbeitergruppen hinweg.

Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln sieht das etwas anders. Die Kurzarbeiterregelungen in der Krise, also der Versuch, so viel von der Stammbelegschaft wie möglich im Unternehmen zu halten, seien ja bereits eine Reaktion auf den drohenden Facharbeitermangel gewesen. „Wer jetzt kann, zieht Tariferhöhungen vor, zahlt seinen Mitarbeitern volles Weihnachtsgeld oder Prämien – auch um sich als guter Arbeitgeber zu präsentieren“, sagt Lesch. „Fairness und Reziprozität sind enorm wichtig für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und für die Motivation.“ Wenn Beschäftigte wahrnehmen, dass die Kurzarbeit beendet wird und es im Betrieb wieder gut läuft, wecke dies sicher auch Begehrlichkeiten. Unternehmen müssten sich auf eine Fairnessdebatte einstellen. Doch dass daraus ein enormer Druck für kräftige Lohnerhöhungen entsteht, glaubt Lesch nicht. „Viele sind erst einmal heilfroh, dass sie ihren Arbeitsplatz durch die Krise gerettet haben und nach dem Ende der Kurzarbeit haben sie ja auch erst einmal wieder mehr Geld in der Tasche.“

Als Nächstes stehen die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst der Länder, bei Volkswagen und in der Chemie an. „Ich denke, dass sich diese Tarifverhandlungen vor allem auf das Entgelt konzentrieren werden und dass der Forderungsrahmen mit Sicherheit über dem in der Vergangenheit liegen wird“, sagt Tarifexperte Bispinck. Der Abschluss in der Stahlindustrie mit einer Lohnsteigerung von 3,6 Prozent gebe dabei eine Orientierung. „Wobei man sagen muss, dass es die Stahlarbeiter bei ihrer Argumentation sicher leichter hatten als die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst“, fügt Bispinck hinzu.

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