Wirtschaft : Aufsichtsräte in der Schule

In Berlin können die Kontrolleure der Vorstände lernen, wie sie die richtigen Fragen stellen – das macht auch Politiker neugierig

Daniel Rhee-Piening

Berlin. In Düsseldorf stehen die Aufsichtsräte von Mannesmann vor Gericht, in Berlin stehen die Aufsichtsräte der Bankgesellschaft am Pranger. Aufsichtsräte (siehe Lexikon) von Unternehmen geraten immer dann ins Visier der Öffentlichkeit, wenn etwas schief gelaufen ist oder wenn es um die Vergütung der Mitglieder des Gremiums geht. Die Mehrzahl der Aufsichtsräte arbeitet allerdings mehr oder weniger unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit.

Nicht immer arbeiten die Aufsichtsräte auch wirklich professionell und effektiv. Axel Smend kennt das Problem so gut wie kaum ein anderer. Smend ist Chef der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte, die im Hause der Investitionsbank Berlin (IBB) angesiedelt ist. Gegründet als Public-Private-Partnership von öffentlich-rechtlichen Banken und privaten Unternehmen, vermittelt die Agentur deutschlandweit nicht nur professionelle Aufsichtsräte und Beiräte vornehmlich an mittelständische Unternehmen. „Wir schulen auch alte und neue Aufsichtsräte über deren Aufgaben, Pflichten und Rechte“, sagt Smend. Er hat Erfahrung mit dem Mittelstand, jahrelang betreute er Mittelständler für die Commerzbank, später für die DG Bank, bevor er sich Ende 2002 mit der Agentur selbstständig machte.

„Ein professioneller Aufsichtsrat muss nicht nur kontrollieren, er muss auch Impulse geben und das Unternehmen voranbringen können“, sagt Smend. Er spricht von „Sparringspartnern“ für das Management, die kompetent, unabhängig und zu strategischem Dialog bereit sein müssten. Ein Mittelständler etwa, der viel exportiert, brauche einen Aufsichtsrat mit Auslandserfahrung. „Ein guter Aufsichtsrat wird ein seltenes Gut“, sagt Smend. Die Mitglieder brauchen Zeit, sie werden nach den neuen gesetzlichen Vorschriften stärker in die Haftung genommen und die Vergütung ist auch nicht immer so hoch, wie in der Öffentlichkeit vermutet. Häufig habe er aber Familienmitglieder oder Skatbrüder in den Aufsichtsräten erlebt. „Die hatten dann Schwierigkeiten, die Bilanz zu analysieren und auf den Sitzungen die richtigen Fragen zu stellen.“

Die richtigen Fragen zu stellen, bringt Smend den Aufsichtsräten in seinen Schulungen bei. Und macht manchem Aufsichtsrat erstmals deutlich, wie viel Zeit der für seinen Posten aufwenden muss. Deshalb kritisiert Smend Ämterhäufung. Fünf externe Mandate, wie sie derzeit erlaubt seien, „sind schon zu viel, wenn nur ein kritischer Fall darunter ist“. Diesen Zeitaufwand unterschätzten viele. „Das ist neben mangelnder fachlicher Qualifikation einer der häufigsten Fehler“, sagt Smend. Neue Themen, mit denen sich erfahrene und neue Aufsichtsräte beschäftigen müssten, seien unter anderem die Haftungsverschärfung und der Umgang mit Insiderwissen. Die Kursteilnehmer der Agentur erfahren aber auch, wie man sich gegen einen vermeintlich allmächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden durchsetzen kann.

Manchmal sei er auch ein wenig Mediator, sagt Smend. Wenn beispielsweise gleich der ganze Aufsichtsrat zu einer Schulung erscheint. Jüngst hat er den Aufsichtsrat eines großen Dax-Unternehmens kontrolliert, meist sind es aber Kunden aus dem M-Dax oder dem Tec-Dax, die er betreut. Einige kommen aus der Politik. So hat sich der Rat der Stadt Hannover jüngst einen Tag schulen lassen. Schließlich sitzen die Politiker beispielsweise in den Beiräten der Stadtwerke, der Verkehrsbetriebe oder der Sparkasse.

Sollten Politiker überhaupt in Aufsichtsräten sitzen? Wenn es nach Smend geht, schon. Auch die öffentliche Hand müsse Einfluss auf die Geschäftspolitik eines ihrer eigenen Unternehmen nehmen können. Politiker sollten aber nicht den Aufsichtsratsvorsitz innehaben, findet Smend. Für Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hat er sogar ein Lob. Seine Ankündigung, die Grundsätze einer transparenten Unternehmensführung auf alle landeseigenen Unternehmen anzuwenden, sei vorbildlich.

Rund 350 Namen und Adressen hat Smend in einer Kartei. Er vermittelt sie als potenzielle Aufsichtsratsmitglieder. „Darunter sind viele, die Unternehmer mit Herzblut sind“, sagt Smend, „aber natürlich gibt es unter den Aufsichtsräten auch einen Jahrmarkt der Eitelkeiten“.

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