Wirtschaft : Aufsichtsrat und Familie Quandt stärken Vorstandschef Milberg den Rücken

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Rund 4500 Aktionäre der Bayerische Motoren Werke (BMW) AG haben am Dienstag die Hauptversammlung des Autokonzerns angesichts des Rover-Debakels zur Generalabrechnung mit dem Management genutzt. Trotz Warnungen schon beim Erwerb der jüngst verkauften Verlusttochter habe BMW "die Kiste voll an die Wand gefahren," kritisierte ein Anteilseigner in München unter dem Beifall vieler Mitaktionäre. BMW stehe wegen Managementfehlern jetzt vor einem "Trümmerhaufen", Milliardenverlusten sowie unberechenbarer Imageschäden. Vor allem den BMW-Aufsichtsrat und die jüngste Vorstandsgeneration rügten mehrere Aktionärsvertreter in der überfüllten Versammlungshalle wegen "dilettantischem" und unprofessionellen Verhalten. "BMW ist durch Arroganz und Ignoranz sturmreif geschossen worden," befürchtete eine Aktionärin mit Blick auf das Podium.

Auch der Großaktionärsfamilie Quandt wurde Versagen vorgeworfen. Allgemein blieb die Aktionärskritik jedoch betont sachlich. So wurde BMW von einem Teilnehmer als "beste Autofirma der Welt" bezeichnet. Die teils befürchteten Tumulte blieben aus. An ein Überleben von Rover unter der Regie des neuen Eigners Phoenix glauben viele BMW-Aktionäre indessen nicht. "Phoenix erledigt für BMW offenbar nur die unangenehme Schließung von Rover," vermutete ein Anteilseigner.

Größte Fehlinvestition aller Zeiten

Dennoch lobten Anteilseigner den Vorstand um BMW-Chef Joachim Milberg für die jüngste Trennung von Rover. Dieser Schritt sei nötig gewesen, um den Mutterkonzern nicht zu gefährden und "wäre eigentlich einen Schluck Champagner wert", meinte ein Kleinaktionär. Allerdings entspreche das jetzige Management nicht dem BMW-Image. Diverse Aktionärsgruppen verweigerten denn auch Vorstand und Aufsichtsrat wegen "der größten Fehlinvestition in der Geschichte der deutschen Wirtschaftsgeschichte", die BMW nach eigenen Angaben rund neun Milliarden Mark gekostet hat, die Entlastung. Angesichts der Dominanz der Familie Quandt, die 46 Prozent der BMW-Anteile kontrolliert und Milberg stützt, war dieses Anliegen jedoch zum Scheitern verurteilt.

Über BMW-Aufsichtsratschef Volker Doppelfeld ließen die Quandts zudem mitteilen, dass sie auch "voll und ganz zu BMW stehen" und es keinerlei Überlegungen zum Verkauf ihrer Aktien gebe. Alle anderen Spekulationen seien abwegig. Trotz diesem Bekenntnis und der Trennung von Rover sehen BMW-Aktionäre die Zukunft ihres Unternehmens nicht frei von Sorgen. Viele bezweifeln, ob die Höhe der in der BMW-Bilanz von 1999 getroffenen Rover-Vorsorge von gut sechs Milliarden Mark ausreichend ist. Immerhin hätten Rover-Händler nach dem Verkauf des Autobauers an das britische Phoenix-Konsortium Schadenersatzklagen angekündigt. Auch die vereinbarte Produktionsentflechtung von BMW und Rover koste Geld und der Phoenix gewährte Kredit von 1,7 Milliarden Mark müsse wohl abgeschrieben werden.

Den von Milberg angekündigten "BMW-Strategiewechsel um 180 Grad" konnte zudem nicht jeder Anteilseigner nachvollziehen. Mit der für 2004 angekündigten Produktion eines kleinen BMW unterhalb der jetzigen 3-er Reihe laufe BMW Gefahr, dieses wichtige Modell selbst zu kannibalisieren, wurde befürchtet. Zudem sei in diesem Segment kaum Geld zu verdienen, wie die A-Klasse von Mercedes zeige. Noch vor Jahresfrist habe das BMW-Management vehement bezweifelt, dass ein sogenannter 2-er BMW die nötige Stückzahl und Profitabilität erreichen könne. Milberg verteidigte diese Pläne, räumte aber Managementfehler im Umgang mit Rover ein. Es sei fraglich, ob es überhaupt richtig gewesen sei, 1994 Rover zu kaufen. Nachdem der Mutterkonzern aber nun von der schweren Last Rover befreit sei, stehe BMW vor einem Rekordjahr 2000 und einer erfolgreichen Zukunft. Weitere Belastungen durch Rover seien ausgeschlossen und alle Eventualitäten in den Verträgen mit Phoenix sowie der BMW-Bilanz für 1999 abgedeckt. Der Milliardenkredit an Phoenix sei jedoch unverzinslich und nur bei späteren Rover-Gewinnen rückzahlbar. Der Verkauf der Geländewagenmarke Land Rover an den US-Konzern Ford sei bald perfekt.

Mit der Neuausrichtung nach dem Rover-Verkauf sei BMW kein Massenhersteller mehr und konzentriere sich nun auf das Luxuswagensegment. Reine Stückzahlen seien für einen Erfolg deshalb nicht entscheidend. Beim Umsatz je Fahrzeug liege BMW in der Branche weltweit an zweiter Stelle. Der Konzern werde künftig ohne Fusion und Diversifizierung aus eigener Kraft heraus mit einer anhaltenden Modelloffensive wachsen.

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