Wirtschaft : Aufstand der „Leihgurken“

Nach einer jahrelangen Kampagne will die IG Metall nun in Tarifverträgen die Leiharbeit regulieren / Lohndifferenz bis zu 50 Prozent.

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Uwe Hück weiß Bescheid. „Leute, die befristet beschäftigt sind und in jedem Betrieb nur zwei Jahre bleiben dürfen, sind Wanderarbeiter. Solche Arbeitsverhältnisse wollen wir in Deutschland nicht.“ Applaus und Gejohle vor dem Werkstor in Zuffenhausen, wo der Porsche-Betriebsratschef Hück dieser Tage 2500 Kolleginnen und Kollegen versammelte, um gegen Leiharbeit zu agitieren. Die IG Metall macht Ernst in diesem Frühling: Bessere Bezahlung für die Leiharbeiter und mehr Mitbestimmung für die Betriebsräte beim Einsatz der Leiharbeiter sollen in dieser Tarifrunde durchgesetzt werden.

„Gleiches Geld für gleiche Arbeit – dieser Grundsatz mag in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten sein. In Deutschland im Jahr 2012 gilt er nicht“, schreibt die IG Metall in einem „Schwarzbuch Leiharbeit“, das Ende des Monats erscheint und in dem „mehr als 1000 skandalöse Erfahrungsberichte“ aus dem Leben der Zeitarbeiter nachzulesen sind. Zum Beispiel: „Ich bekomme eine Leistungszulage, die der Betriebsrat durchgesetzt hat. Damit komme ich als Leihgurke noch ganz gut weg. Trotzdem sind es 500 bis 1000 Euro, die der feste Mitarbeiter mehr verdient.“ Nach Informationen der IG Metall kann die Lohndifferenz bis zu 50 Prozent betragen.

Von der rot-grünen Bundesregierung war die Leiharbeit als ein Instrument zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes gefördert worden. Damit die Firmen bei Auftragsspitzen nicht zusätzliches Personal einstellen müssen, behelfen sie sich kurzfristig mit Zeitarbeitnehmern. Inzwischen gibt es knapp eine Million Zeitarbeiter, manche arbeiten über Jahre in demselben Betrieb, und für nicht wenige Unternehmen gehört der Einsatz der Billigkräfte zum Geschäftsmodell. Dabei schaffen nur knapp zehn Prozent der Leiharbeiter den Sprung in eine Festanstellung. Das geht auch auf Kosten der Allgemeinheit: Der IG Metall zufolge ist jeder achte Leiharbeiter trotz Vollbeschäftigung auf ergänzende Transferleistungen angewiesen.

Die Arbeitgeber sind inzwischen von ihrer Verteidigungsstrategie abgerückt und zu Equal Pay bereit, also gleicher Lohn für gleiche Arbeit nach einer gewissen Einarbeitungszeit, über die sich die Tarifparteien verständigen sollen. Wenn es da nicht zu einer Einigung kommt, will Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nachhelfen. Dazu wird es aber nicht kommen, denn die IG Metall wird für die Metall- und Elektroindustrie eine Lösung erzwingen und damit den Maßstab für andere Branchen setzen.

Vor genau vier Jahren startete Gewerkschaftsvize Detlef Wetzel die Kampagne „Gleiche Arbeit – Gleiches Geld“. Die IG Metall schickte einen Informationsbus durchs Land, rekrutierte neue Mitglieder unter den prekär Beschäftigten und sensibilisierte die Öffentlichkeit. Nun, vier Jahre später, macht die größte deutsche Gewerkschaft Ernst und widmet dem Thema eine Tarifrunde. Weil sich eine Einschätzung verbreitet hat, die der Porsche-Betriebsrat Uwe Hück so auf den Punkt bringt: „Prekäre Beschäftigung zerstört die soziale Demokratie.“ Alfons Frese

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