Wirtschaft : Aufstand gegen das Management

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Von David Woodruff

In den 90er Jahren waren Spitzenmanager Helden, heute sind sie „Bad Guys". Skandale bei Enron, ABB und vielen anderen europäischen und amerikanischen Unternehmen hatten verheerende Folgen für den Ruf von Unternehmenschefs. Wie verheerend, zeigt eine Umfrage der GfK Ad Hoc Research Worldwide im Auftrag des Wall Street Journal Europes. Gefragt wurden 12657 Menschen in 14 europäischen Ländern.

Hier einige der bemerkenswerten Ergebnisse: Gerade mal jeder fünfte Europäer glaubt, dass die meisten Vorstandsvorsitzenden ehrlich sind. Und mehr als zwei Drittel der Befragten hält die Unternehmenschefs für überbezahlt. 59 Prozent finden, dass der Staat bei Managergehältern intervenieren sollte. Und jeder fünfte Europäer ist überzeugt, dass die europäischen Spitzenmanager ihr persönliches Interesse an den ersten Platz stellen - vor das Wohl von Angestellten, Aktionären und Kunden.

“It is clear we have a real crisis of confidence in the corporate world“, sagt William George, ehemaliger Chef des US-Medizingeräteherstellers Medtronic und Gastprofessor am Institut für Internationales Management in Lausanne zu der offenkundigen Vertrauenskrise, in der sich die internationale Geschäftswelt zurzeit befindet. „Wir werden das Vertrauen der Menschen in den nächsten Jahren nicht so schnell zurückgewinnen“.

Wütende Aktionäre

Die Spitzenmanager können sich auf weitere Kritik gefasst machen. Denn der anhaltende Ärger wird wohl auch dazu führen, dass die Macht und Vergünstigungen beschnitten werden, die sie bisher genossen haben. Das passiert sogar schon.

Wütende Aktionäre haben etwa beim französischen Medienkonzern Vivendi Universal gegen das neue Stock-Option-Programm des Managements gestimmt. Die Aufsichtsräte – in Sorge um den eigenen Ruf und ihre rechtliche Belangbarkeit – gehen nun härter gegen die Topmanager vor. Sie stellen kritische Fragen und mischen sich stärker bei der Management-Vergütung ein.

Nicht nur aufgebrachte Aktionäre, auch neue Börsenvorschriften zwingen Unternehmenschefs zu Änderungen. Nach dem Enron-Skandal hat die New Yorker Börse eine Reihe neuer Corporate-Governance-Regeln eingeführt. Der Zweck ist, Manager besser kontrollieren zu können. So sollen die Boards mehrheitlich mit Leuten besetzt werden, die von außerhalb des Unternehmens kommen.

Die neuen Regeln tangieren auch europäische Unternehmen wie Daimler-Chrysler und den Schweizer Pharmahersteller Novartis, weil sie an der New Yorker Börse notiert sind. Nicht nur die. Wahrscheinlich werden die Corporate-Governance-Regeln von den europäischen Börsen schnell übernommen. Oder auch von Unternehmen in der Hoffnung, ihre Chancen auf den Finanzmärkten zu verbessern.

Der öffentliche Ärger über hohe Abfindungen und Stock-Option-Pakete kommt zu einer Zeit, wo Angestellte entlassen werden und Aktionäre ihr Vermögen auf einen Tiefstwert schmelzen sehen. Wahrscheinlich wird die Empörung Aufsichtsräte dazu bringen, die Vergütungen der Topmanager so genau zu überwachen wie nie zuvor. Dass immer mehr europäische Unternehmen Gehalt und Benefits ihrer Führungskräfte offen legen, dürfte die öffentliche Debatte anheizen.

Das öffentliche Misstrauen gegenüber Topmanagern ist weit verbreitet und reicht tief, geht man nach den Ergebnissen der Wall Street Journal Europe-Umfrage. Von Großbritannien bis Polen und von Finnland bis Italien konnten die Befragten wenig Gutes an ihren Unternehmenschefs entdecken.

Einzige Ausnahme: Dänemark. Dort beurteilten die Befragten ihre Bosse viel wohlwollender. Die Hauptgründe dürften sein, dass dänische Manager wegen der hohen Steuern weniger als ihre europäischen Kollegen verdienen. Außerdem herrscht in Dänemark eine Kultur der Kooperation vor; Hierarchie wird abgelehnt – und damit sind die Bosse weniger isoliert als anderswo.

Doch zurück zu Gesamteuropa. In ganz Europa glauben nur 42 Prozent, dass sich die meisten Unternehmenschefs nach den Interessen ihrer Aktionäre und Kunden richten. 21 Prozent der Befragten meinen, die meisten Bosse achteten auf die Interessen ihrer Angestellten. Ein nicht geringer Prozentteil findet, dass die Macht der Topmanager, Angestellte zu entlassen, beschränkt werden sollte. Nur 18 Prozent denken, Unternehmenschefs sollten vollkommen frei über die Entlassung von Mitarbeitern schalten und walten können.

Auch wenn die Gebildeteren und Besserverdienenden unter den Befragten tendenziell nachsichtiger mit den Topmanagern waren als die am unteren Ende des sozioökonomischen Spektrums, so unterschieden sich ihre Antworten nicht wesentlich, sagt Mark Hofmans, der Geschäftsführer der GfK Ad Hoc Research Worldwide in Brüssel, der die Umfrage koordiniert hat. Das zeigt, wie verbreitet das Misstrauen in die Unternehmenschefs ist.

Die Zahl der Skandale wächst mit jedem Tag. Der jüngste ereignete sich beim US-Mischkonzern Tyco International. Das Unternehmen warf zwei ehemaligen Managern vor vor, ohne das Wissen des Vorstandes insgesamt mehr als 55 Millionen Dollar kassiert zu haben. Der ehemalige Tyco-Vorstandsvorsitzende Dennis Kozlowski soll über die Millionenzahlungen Bescheid gewusst haben. Er musste Anfang des Monats seinen Hut nehmen.

Skandale häufen sich

Auch wenn sich die spektakulärsten Skandale in den USA ereigneten, blieb Europa nicht verschont. Im April wurde gegen den ehemaligen Chef des niederländischen Konzerns Philips Electronics, Cor Boonstra, Klage wegen Insiderhandels erhoben. Boonstra hatte im vergangenen Jahr Aktien der Supermarktkette Ahold - bei der er im Aufsichtsrat saß - verkauft, kurz bevor das Unternehmen die Ergebnisse des zweiten Quartals bekannt gab. Im Februar gab der schwedisch-schweizerische Technologiekonzern ABB bekannt, dass zwei frühere Topmanager insgesamt 233 Millionen Schweizer Franken an Pensionsvergütungen und anderen Benefits kassiert hatten – ohne das vorher mit dem Aufsichtsrat abzustimmen.

Skandale wie diese haben die Aufsichtsräte wachgerüttelt. Bislang haben sie sich häufig zurückgelehnt und den CEOs die Oberhand bei Aufsichtsratstreffen und dem Informationsfluss wichtiger Unternehmensdaten gelassen. Damit ist für einige jetzt Schluss, etwa für das Deutsche Telekom-Aufsichtsratsmitglied Andre Leysen. Der ehemalige Chef der Agfa-Gevaert Gruppe verlangt von den Topmanagern mehr Informationen als in der Vergangenheit und leistet härteren Widerstand gegen Management-Pläne, wenn er sie falsch findet.

Bei der Telekom hat der Vorstand darauf bereits reagiert. So verzichtete auch Telekom-Chef Ron Sommer (Foto: dpa) auf einen Teil seiner Aktienoption. Die meisten Topmanager reagieren weniger schnell. Vielleicht liegt es daran, dass sie durch ihre schnellen Jobs von der Außenwelt isolierter sind.

Der Meinung ist auch ein Experte der französischen Hochschule Insead, zu dessen Managementseminaren Spitzenkräfte aus ganz Europa kommen. Bei Gesprächen der Workshop-Mitglieder ginge es niemals um das Glaubwürdigkeitsproblem. Sie wollten davon nichts wissen, sagt er.

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