Wirtschaft : Aus dem Bauch heraus

Bessere Ultraschallverfahren sind bei den Eltern stark gefragt – doch die Ärzte sind skeptisch

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Von Amy Dockser Marcus

Natalie Sharp machte in ihrer 20. Schwangerschaftswoche eine Ultraschalluntersuchung. Doch in der Praxis ihres Arztes konnte man ihr nicht sagen, ob das Kind ein Junge oder Mädchen werden würde. Daher ging sie zu einem Einkaufszentrum, um es herauszufinden. Die 28-Jährige ließ im Fotostudio Fetal Fotos Inc. für 120 Dollar (122 Euro) zwei Ultraschalluntersuchungen machen. Und erfuhr, dass sie ein Mädchen bekommen würde. Außerdem bekam sie Portraits des Embryos, die sie Verwandten schicken wollte. Und zum Andenken ein Video, auf dem sich das Baby zur Hintergrundmusik eines Wiegenliedes im Bauch bewegt.

In den USA wollen viele Eltern die Fortschritte der Ultrallschall-Technik nutzen. Einige der neuen Verfahren machen die einst grobkörnigen Bilder so scharf, dass man deutlich die Gesichtszüge des Embryos sehen kann. Die neueste Ultraschalltechnik dient eigentlich medizinischen Untersuchungen; zum Beispiel, um festzustellen, ob das Kind an einem Down-Syndrom oder anderen Missbildungen leidet. Doch für viele Mütter ist Ultraschall vor allem dazu da, die ersten Schnappschüsse ihres Babys zu machen.

Die Industrie heizt das Interesse weiter an. Im Mai warb General Electric mit Fernsehspots und Zeitungsannoncen für sein neues Ultraschallgerät „4D“. Selten zuvor hat der US-Mischkonzern so viel für Werbung ausgegeben. Bei Ultraschall werden Bilder mit Hilfe von Schallwellen erzeugt. Während bei herkömmlicher Technik die Darstellung zweidimensional (2D) ist, ist sie bei den neueren drei- und vierdimensional (3D und 4D). Wenn der Arzt die 3D- und 4D-Bilder entsprechend bearbeitet, wird daraus eine 360-Grad-Darstellung. Man hat dann den Eindruck, einen Film anzusehen.

Seit es die neue Technik und die bestechenden Embryo-Bilder gibt, werden Ärzte von ihren Patienten nach Ultraschalluntersuchungen bestürmt. Die werdenden Eltern wollen auf Nummer sicher gehen. Doch die Untersuchungen sind medizinisch überflüssig und kosten mehr als 300 Dollar.

Unterdessen boomen die Fotostudios für Embryobilder. Das 1994 in Salt Lake City gegründete Unternehmen Fetal Fotos betreibt mittlerweile fünf solcher Läden in den USA und wird in den kommenden Monaten weitere öffnen. Werdende Eltern können dort gerahmte Bilder und Videos ihrer Babys machen lassen. Das Fotostudio „Before the Stork“ in Indiana bietet sogar ein Dreimonatspaket (mit drei Besuchen) an. Und unter dem Titel „Watch my development“ ein Paket für 325 Dollar (sechs Bilder-Sitzungen, ein Stofftier und einen Bilderrahmen). Viele Frauen schicken ein Video an entfernt lebende Großeltern oder führen die Bänder bei den so genannten „Baby Showers“ vor, all jenen typisch amerikanischen Treffen, bei denen sie einer schwangeren Freundin die erste Babyausstattung schenken.

Es gibt bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass Ultraschalluntersuchungen schädlich sind. Dennoch raten viele Ärzte davon ab. Die Gründe: Es gibt bislang keine Langzeitstudien. Außerdem könnten falsche Befunde weitere Untersuchungen und überflüssige Eingriffe nach sich ziehen. „Ultraschall ist ein medizinisches Verfahren und sollte nicht für andere Zwecke verwendet werden“, sagt Lawrence Platt, Ex-Präsident des American Institute of Ultrasound in Medicine.

Auch die US-Gesundheitsbehörde FDA hat in der Vergangenheit den Missbrauch von Ultraschall kritisiert. Als die Medizinbranche 1994 begann, über andere Einsatzmöglichkeiten von Ultraschall nachzudenken, erklärte das FDA, dass der Einsatz von Ultraschallgeräten für private Videos „ein unzulässiger Gebrauch von medizinischen Geräten“ sei. Die Behörde schloss damals sogar einige der Fotostudios.

Medizinisch ohne Mehrwert

Viele Krankenhäuser meinen, dass 3D- und 4D-Ultraschall gegenüber traditioneller Sonographie kaum Vorteile hat. GE hat nach eigenen Angaben in amerikanischen Kliniken und Arztpraxen mehrere hundert 4D-Systeme installiert. Darunter sind nur 50 Krankenhäuser. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile die neuen Geräte, sie sind allerdings noch wenig verbreitet.

Auch wenn sich der zusätzliche medizinische Nutzen in Grenzen hält, wollen viele amerikanische Eltern auf die neueste Ultraschalltechnik nicht verzichten. „Man kann einen 2D-Ultraschall machen und innerhalb von zehn Minuten erfahren, was man braucht“, sagt Leon Winter, Gründer der Fotostudio-Kette Fetal Fotos. „Aber das reicht vielen nicht.“ Fetal Fotos ist nach eigenen Angaben konform mit den Richtlinien des FDA. Das Unternehmen liefere „begrenzte medizinische Information“, sagt Winter. Auf den 4D-Ultraschalldarstellungen sei zu sehen, ob das Baby lebe, sich bewege; man erkenne außerdem die Lage des Embryos und der Plazenta und das Geschlecht des Kindes. Diagnosen würden die Angestellten von Fetal-Foto aber nicht abgeben. Wenn ihnen etwas Abnormes auffalle, rieten sie zu einer Ultraschalluntersuchung in einem Krankenhaus.

Die Fachschaft ist über das Geschäft mit dem Ultraschall nicht immer glücklich. Oft kommen bei Diagnostic Ultrasound Associates in Boston Schwangere vorbei, die eine zweite Meinung einholen wolllen, nachdem Embryo-Fotostudios oder Krankenhäuser abnormale Befunde gestellt haben. Doch in vielen Fällen würden sich die medizinisch-technischen Assistenten, die die Untersuchungen durchführen, täuschen, sagt Beryl Benacerraf, Chefin von Diagnostic Ultrasound und Harvard-Professorin. Gleichzeitig werden Frauen manchmal zu Unrecht in Sicherheit gewogen, da Defekte übersehen werden können, sagt Benacerraf. „Bei der Hälfte oder mehr der Fälle werden schwerwiegendere Herzfehler nicht erkannt.“

Aber Ultraschall hat auch Vorteile. Es fördert die emotionale Bindung zwischen Eltern und ihren ungeborenen Kindern, ergab eine Studie der Londoner Fachzeitschrift „Ultrasound in Obstetrics and Gynecology“. Frauen, die ihre ungeborenen Babys gesehen haben, hätten während der Schwangerschaft besser für sich gesorgt und eine stärkere Zuneigung zu ihren Kindern entwickelt.

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