Wirtschaft : Aus dem Chefsessel ins Seminar

Wer eine eigene Firma gegründet hat, ist eigentlich ausgelastet. Trotzdem gibt es einige, die nebenbei studieren. Wie Ann Christin Hahn. Sie macht neben ihrer täglichen Arbeit einen MBA – und setzt das Gelernte oft gleich um

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Bevor Ann Christin Hahn ihren Chefsessel gegen einen Platz im Vorlesungssaal eintauscht, checkt sie noch einmal die aktuellen Umsatzzahlen. Kritisch prüft sie die Auftragseingänge und auf dem Weg zum Auto gibt sie den Angestellten letzte Anweisungen. Ann Christin Hahn ist Inhaberin einer Firma für Lasergravur. Nach Feierabend macht sie den Master of Business Administration (MBA) an der FH Nordakademie.

Berufstätige im Studium – das ist längst keine Seltenheit mehr und die Nachfrage nach guten, maßgeschneiderten Angeboten steigt stetig. Rund 700 berufsbegleitende Masterstudiengänge gibt es in Deutschland. Wirtschaftswissenschaften sind dabei am stärksten vertreten – mit 46 % aller berufsbegleitenden Masterprogramme.

Die meisten Bewerber für einen MBA sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und haben in ihrem Erststudium etwas völlig anderes gemacht. Aber nur wenige haben sich wie wie die 31-jährige Ann Christin Hahn schon eine eigene Firma aufgebaut.

Maschinenbauer, Musiker oder Geisteswissenschaftler – im MBA-Studium kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen. Sie alle wollen Fachkenntnisse in Betriebswirtschaftslehre, Controlling oder Buchhaltung erlernen und Führungskompetenzen aufbauen. Was viele zudem lockt, ist die Möglichkeit, einen international anerkannten Abschluss zu bekommen. Der Titel öffnet auch im Ausland Türen zu Jobs im mittleren und höheren Management.

Ann Christin Hahn ist Wirtschaftsingenieurin und bereits ihr eigener Chef. Wozu dann noch einen MBA machen? „Ich verzettele mich gerne“, sagt sie. 2004 hat sie ihr Unternehmen gegründet. Seit dem hat sie sieben neue Mitarbeiter eingestellt, die Auftragslage ist gut. Ann Christin Hahn hat Hunderte neue Ideen, schraubt an Arbeitsabläufen, an Vertriebswegen. Vieles macht sie „aus dem Bauch heraus“, ohne überlegte Strategie. Meist geht der Plan auf, doch bald hat sie das Gefühl, dass ihr das Unternehmen entgleiten würde, wenn der Boom anhält. „Ich muss selbst wachsen, damit mein Unternehmen weiter wachsen kann“, sagt Hahn. Das MBA-Studium ist für die 31-Jährige ein Leitfaden, eine Art Werkzeugkasten mit Strategien für die richtige Struktur.

Die Aufnahmebedingungen für das MBA-Studium sind hart. Berufserfahrung und gute Englischkenntnisse sind Pflicht. Im Vorstellungsgespräch müssen die Bewerber beweisen, dass sie belastbar sind, auch nach Vorlesungsende noch Bücher wälzen und einen vollgepackten Stundenplan über Jahre bewältigen können. „Das Studienangebot richtet sich an Menschen im Beruf“, sagt Arne Petermann, Studiengangsleiter General Management an der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW). „Dank der Flexibilität können die Studierenden Beruf, Privatleben und Studium gut miteinander vereinbaren und ihre nächsten Karriereschritte planen.“ An der DUW wird der Studiengang in Vollzeit oder Teilzeit angeboten, sieht Seminare mit Anwesenheitspflicht und Online-Angebote vor.

Nur wenige Selbstständige trauen sich, ein so zeitaufwändiges Studium in Angriff zu nehmen. Die Firma allein zu lassen, fällt vielen schwer. Auch Hahn musste erst lernen, rechtzeitig Feierabend zu machen, um pünktlich bei der Vorlesung zu sein: „Ich vertraue meinen Angestellten, die Arbeit läuft auch ohne mich gut und für wichtige Fragen bleibe ich auf dem Handy erreichbar.“

Ann Christin Hahn weiß, dass sie ein enormes Pensum schafft. Doch als Überfliegerin will sie trotzdem nicht bezeichnet werden. Wenn sie eine Auszeit braucht, gönnt sie sich einen freien Tag. „Ich nehme mir die Freiheit, wenn keine wichtigen Termine dazwischen kommen“, sagt sie . Als Selbstständige klappt das nicht immer. Doch auch die Zeit für einen Konzertbesuch oder einen Abend mit Freunden in der Kneipe darf für sie nicht zu kurz kommen.

Knapp 15 000 Euro kostet Ann Christin Hahn das MBA-Studium. Ihre Firma ist so erfolgreich, dass sie sich das leisten kann. Während die Unternehmerin die Gebühren selbst trägt, bekommen viele angestellte Studierende Unterstützung von ihren Vorgesetzten. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Manche Firmen übernehmen die kompletten Kosten, andere verkürzen die Arbeitszeiten oder gewähren mehr Urlaub. An manchen Hochschulen können sich die Studierenden um ein Stipendium bewerben.

Kosten und Stress seien es wert, sagt Unternehmerin Hahn. „Vieles, was ich in der Vorlesung höre, lässt sich direkt auf betriebliche Problemstellungen anwenden.“ Der Umgang in ihrer Firma sei familiär. Hahn schätzt flache Hierarchien und ein offenes Arbeitsklima. „Wenn es Probleme gibt, sollen die angesprochen und gelöst werden. Schließlich ist Arbeit nicht der Teil vom Tag, der keinen Spaß machen darf“, sagt sie.

In der Unterrichtseinheit Kommunikation hat sie im Studium eine andere Sicht auf die Gespräche mit Mitarbeitern bekommen. Häufig geht es um die ganz persönliche Auseinandersetzung mit der noch relativ neuen Position als Chefin: Wie gehe ich mit älteren Kollegen um, wenn ich die Vorgesetzte bin? Wie setze ich mich durch? Wie motiviere ich meine Mitarbeiter?

Hahn lernt nicht nur aus Büchern, sondern vor allem auch von ihren Mitstudenten. In den Pausen tauscht man sich aus, alle kennen die Arbeit in Führungspositionen. „Ich habe enormen Respekt vor meinen Kommilitonen“, sagt sie.

Zwar ist auch der MBA kein Jobgarant, aber in großen Unternehmen ist der Titel in Führungspositionen gern gesehen. „Die Chefs wissen, welche Kompetenzen der Bewerber mitbringt“, sagt Matthias Tomenendal, Direktor des IMB Institute of Management Berlin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Meist ergeben sich bereits gute Kontakte während des letzten Blocks des Studiums. In ihrer Masterarbeit müssen die Studierenden neben einer theoretischen Analyse auch ein Projekt in einer Firma umsetzen. Läuft die Zusammenarbeit gut, springt häufig ein Job danach heraus.

Die besten Chancen haben Bewerber in der Unternehmensberatung oder in der Finanzbranche. Weltweit wird der MBA als Abschluss anerkannt. Die Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen nutzen die Internationalität. Die DUW etwa bietet ein Sonderprogramm mit China an. An der Hochschule für Wirtschaft und Recht gibt es regelmäßig gemeinsame Projekte mit Cambridge, London oder Paris.

In einem halben Jahr macht Ann Christin Hahn ihren Abschluss. Welches Thema, die 31-Jährige in ihrer Masterarbeit beackern wird, weiß sie noch nicht. Ein Konzept für die Zukunft für ihr Unternehmen könnte es werden oder ein Beispiel aus ihrem neu gegründeten Verein für Lesepaten. Auch für ein ehrenamtliches Engagement nimmt sie sich neben Firma und Studium noch Zeit. „Es gibt einige Baustellen, die ich bei der Masterarbeit angehen könnte“, sagt Hahn. Fünfzig bis sechzig Seiten muss sie für die Arbeit einplanen.

Doch wie geht es für sie nach dem MBA-Abschluss weiter? Ann Christin Hahn zieht es nicht ins Ausland. Ihre Firma will sie dann doch nicht allein lassen. „Ich will deutlich expandieren und neue Vertriebswege testen“, sagt sie. Der MBA hat ihr Strategien an die Hand gegeben, solche Projekte mit Erfolg umzusetzen. „Den Schwung aus dem Studium nehme ich mit und dann geht es mit der Firma richtig los.“

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