Wirtschaft : Aus dem Gleis

Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn geht mit Kritikern seines Preissystems nicht zimperlich um – das vergrault die Kunden, finden Experten

Carsten Brönstrup

Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte vergangene Woche wieder einmal viele Hände zu schütteln. Tagsüber die des brandenburgischen Verkehrsministers. Oder die der Bahnhofsvorsteher von Lüneburg, Stuttgart und Dresden-Neustadt – Routinetermine eines Top-Managers eben. Anstrengend wurde es indes stets gegen Abend. Nicht genug damit, dass Mehdorn am Montag unbequemen Grünen-Abgeordneten seine Unternehmenspolitik erklären musste. Auch Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier hatte ein paar dringende Fragen zu den Attacken auf Kabinettsmitglieder, die sich der Bahnchef zuvor per Zeitungsinterview erlaubt hatte. Und am Donnerstag musste Mehdorn auch noch Umwelt-Staatssekretärin Margareta Wolf auf Linie bringen, die in den kommenden Tagen zahlreiche Bahn-Kritiker um sich versammeln und das neue Preissystem des Konzerns kritisieren will.

Bei der Bahn brodelt es wie selten zuvor. Mehdorns forscher Umgang mit Nörglern und Querulanten hat nicht nur die Politik auf den Plan gerufen. Das sture Festhalten an dem neuen Tarifsystem hat auch die Fahrgäste verschreckt – sie meiden derzeit die Züge der Bahn und reisen lieber mit Auto oder Flugzeug. Schon raten Verkehrsexperten dem temperamentvollen obersten Eisenbahner zu einem souveräneren Umgang mit Problemen. Die Mitarbeiter der Bahn sind ohnehin in Aufruhr, weil sie die ständige Kritik am Unternehmen nervt und sie den Ärger der frustrierten Kunden aushalten müssen. Zu allem Überfluss könnte Mehdorn nun auch noch ein Streik seiner Lokführer ins Haus stehen. Am Freitag waren die Tarifverhandlungen ergebnislos vertagt worden. Kommende Woche müssen die Emissäre der Bahn nun versuchen, einen Streik abzuwenden (siehe Kasten).

Denn ein neuerlicher Arbeitskampf wäre das letzte, was das Unternehmen gebrauchen kann – er würde den Kundenschwund womöglich weiter beschleunigen. Allein im Januar ist der Umsatz im Fernverkehr gegenüber dem Vorjahr um 13,8 Prozent eingebrochen – obwohl die Einnahmen eigentlich laut Bahn-Plan um bis zu zehn Prozent zulegen sollten. Wegen der schlappen Konjunktur und des Irak-Kriegs ist eine Wende vorerst nicht zu erwarten. Dabei hatte mit dem neuen Preissystem alles besser werden sollen. „Für Millionen Menschen wird Bahnfahren billiger“, hatte Mehdorn vor dem Start im Dezember versprochen. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest bestätigt das nicht: Die Tarife seien so kompliziert, dass selbst die Berater an Schaltern und Telefon-Hotlines nicht durchblickten und bei jeder zweiten Beratung zu hohe Ticket-Preise nannten, fanden die Tester in einer Stichprobe heraus.

„Mehr Behutsamkeit“

Die Sanierung des Konzerns könnte damit verzögert werden. Eigentlich will das Management die ehemalige Behörde bis zum Jahr 2005 auf Börsenreife trimmen. Die Probleme könnten aber nun dazu führen, dass der Betriebsverlust höher ausfällt als die für dieses Jahr anvisierten 200 Millionen Euro. Um die Akzeptanz des Preissystems zu steigern, hat die Bahn nun Sonderangebote für Wochenendreisen auf den Markt gebracht.

Doch das wird nicht reichen, fürchtet der Gerd Aberle, Professor für Verkehrswissenschaft an der Universität Gießen. Erst einmal müsse die Bahn kundenfreundlicher werden. „Solange die momentane Anti-Stimmung anhält und die Kunden die Tarife nicht akzeptieren, wird das System erfolglos bleiben“, prophezeit er. Wichtig sei, dass Mehdorn und seine Leute gelassener mit Kritik umgingen. Bislang habe der Konzern „taktisch unklug agiert“, befindet Aberle. „Ein massives Imageproblem“, attestiert auch die Grünen-Staatssekretärin Wolf dem Staatskonzern. Schuld sei die vielstimmige Kritik von allen Seiten und die zugleich vollmundige Bahn-Werbung, die einfache, niedrige Preise verspricht. Noch deutlicher wird Albert Schmidt, Verkehrspolitiker von Bündnis 90/Die Grünen. „Die Bahn muss aufhören, ihre Kunden zu beschimpfen. Mit Rundumschlägen gewinnt man keinen einzigen Fahrgast zurück.“ Eine behutsame Kommunikation in Sachen Preissystem sei mindestens ebenso wichtig wie die Preise selbst.

Schmidt zufolge, der bis vor kurzem im Aufsichtsrat des Unternehmens saß, sollte die Bahn akzeptieren, dass die Kunden an den Fahrkartenschalter über das Preissystem abgestimmt hätten, und die Konsequenzen daraus ziehen. „Mit der Wiedereinführung einer Bahncard mit 50 Prozent Rabatt würde man viele Kunden zurückgewinnnen“, ist sich Schmidt sicher. Die solle zusätzlich als „Bahncard Premium“ kommen, aber deutlich mehr kosten als die aktuelle Karte, die für 60 Euro 25 Prozent Rabatt verspricht . Auch Verkehrsforscher Aberle plädiert für einen Umbau. „Das System muss vor allem einfacher werden. Außerdem muss der Kunde mehr Informationen darüber bekommen, welcher Zug überfüllt und welcher leer ist“, regt er an.

Bahnchef Hartmut Mehdorn selbst ficht diese Kritik nicht an. „Nach einem Jahr werden wir das System auf den Prüfstand stellen. Dann werden wir sehen“, bekräftigte er jüngst. Seine Sturheit treibt mittlerweile den Arbeitnehmer-Vertretern Sorgenfalten auf die Stirn – sie fürchten einen weiteren Arbeitsplatz-Abbau. „Wenn es Probleme gibt, dann sollte man das Preissystem korrigieren und nicht warten, bis das Unternehmen auf einmal mit einem Riesenminus dasteht“, warnt Norbert Hansen, Vorsitzender der Gewerkschaft Transnet.

Dass es unter den Beschäftigten gärt, räumt auch Bahn-Personalvorstand Norbert Bensel ein. „Unsere Mitarbeiter fühlen sich manchmal etwas alleine gelassen gegenüber der Kritik“, sagt er. Deshalb würden die Bahn-Leute und die Führungskräfte nun verstärkt geschult, „um Motivation und Stimmung unseres Personals zu verbessern“.

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