Wirtschaft : Aus der Mode geraten

Fast niemand lässt noch seinen Fernseher reparieren. Deshalb sind Fachleute, die das können, selten. Doch Meister im Informationstechniker- Handwerk haben gute Chancen – wenn sie eine Nische finden.

von
Museumsreif. Dieser Fernseher von Technikmuseum 1953 ist heute ein Ausstellungsstück.Foto: Kai-Uwe Heinrich
Museumsreif. Dieser Fernseher von Technikmuseum 1953 ist heute ein Ausstellungsstück.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Aus dem ganzen Bundesgebiet erreichen Daniel Götz hoffnungsvolle Anfragen. „Das ist schon toll, wie die Kunden zu uns pilgern“, sagt er. Der 27-Jährige ist Inhaber von DG Audio, Reparaturbetrieb für Audiogeräte in Köln. „Wir sind einer der ganz wenigen Betriebe bundesweit, die noch reparieren“, sagt Götz. Die Kunden kommen aus Berlin, München, Dresden, selbst aus Maastricht kam neulich eine Anfrage. Wenn Daniel Götz den Kunden erfolgreich den Verstärker des verstorbenen Vaters repariert, ist das Glück groß.

Daniel Götz hat sich vor acht Jahren für einen Ausbildungsweg entschieden, den heute nicht mehr viele gehen: den zum Informationselektroniker mit Schwerpunkt Geräte- und Systemtechnik – der einstige Radio- und Fernsehtechniker, bevor die Ausbildung 1999 mit dem Büroinformationselektroniker zusammengelegt wurde. Nach seiner Ausbildung hat Daniel Götz die Weiterbildung zum Meister im Informationstechnikerhandwerk gemacht. Damit konnte er sich vor knapp zwei Jahren selbstständig machen und hat auch die Berechtigung, auszubilden. Diesen Schritt gehen nur noch so wenige, dass es nicht mehr viele Meisterschulen gibt, die die Weiterbildung anbieten. In Berlin etwa gibt es dazu keine Möglichkeit mehr.

Wie auch auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung in Berlin zu sehen ist: Die Technik entwickelt sich so rasend weiter, dass es oft kaum noch attraktiv ist, den ollen Fernseher vom letzten Jahr zur Reparatur zu bringen. Die kleinen Betriebe sind längst den Großmärkten gewichen, mit ihnen verringert sich auch die Anzahl an Informationselektronikern mit Schwerpunkt Geräte- und Systemtechnik. „Auch mit den Umtauschkapazitäten der Großmärkte können die kleinen Läden nicht mithalten“, sagt Jürgen Kränzlein, Obermeister der Landesinnung für Informationstechnik Berlin.

Einen echten Radio- und Fernsehtechniker darf sich noch Bernd Kruggel nennen. Der 51-Jährige aus Hohen Neuendorf ist Lehrer für Fachpraxis am Berliner Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informations- und Medientechnik (OSZ KIM) und hat 1984 seine Ausbildung abgeschlossen. 1997 hat er seinen Meister im Informationstechnikerhandwerk begonnen, in Teilzeit. Der Chef des kleinen Ladengeschäfts in Glienicke, in dem er arbeitete, wollte bald in Rente gehen und Kruggel konnte sich vorstellen, sich selbstständig zu machen. Doch als er 2000 mit dem Meister fertig war, lohnte sich das Geschäft nicht mehr. Kruggel war damals schon der einzige Radio- und Fernsehtechniker, der an der Handwerkskammer in Potsdam seinen Meister machte. Dort absolvierte er neben etwa 50 Heizungsinstallateuren die fachübergreifenden Teile der Weiterbildung mit der arbeitspädagogischen sowie der wirtschaftlichen und rechtlichen Prüfung. Hinzu kommen die Fachtheorie und die Fachpraxis, für die sich oft nur schwer eine entsprechende Meisterschule findet. Es sei mal „ein Königsberuf“ gewesen, sagt Kruggel. Doch die technische Entwicklung rast, die Geräte werden immer billiger. „Für den Preis brauchen sie die meisten Geräte heute gar nicht mehr aufschrauben“, sagt Kruggel. Und was Geräte wie Smartphones betrifft: Die richten die Werkskundendienste. Es sei ein schöner Beruf, aber schwer, damit sein Geld zu verdienen, sagt Kruggel. Er ging 2002 als Werkslehrmeister ans OSZ KIM. Nur noch zwischen fünf und zehn Lehrlinge betreut er dort jedes Jahr aus Berlin und Umgebung. Das Geschäft in Glienicke hat inzwischen dichtgemacht.

Daniel Götz hat seinen Meister trotz der schwierigen Aussichten 2010 begonnen. Das Bildungszentrum Butzweilerhof der Handwerkskammer zu Köln hat den Meister im Informationstechnikerhandwerk nach wie vor im Angebot. Die Klassen starten, sobald sich genügend Leute finden. Daniel Götz begann mit sieben weiteren Informationselektronikern. In Vollzeit dauert die Weiterbildung sieben Monate. Knapp 5000 Euro zahlte Götz dafür. Fördermöglichkeiten gibt es durch das Meister-Bafög oder durch die Bildungsprämie des Bundesministeriums für Bildung.

Für Götz war die Weiterbildung „einfach ein Lebenstraum“. Schon in der fünften Klasse hatte er angefangen, sich mit Elektronik zu beschäftigen. Er baute kleine Lämpchen-Schaltungen, seine ersten Lautsprecher, experimentierte mit Autoradios, reparierte die Geräte von Freunden. Einem Kumpel hat er einen Verstärker gebaut, der heute noch zum Einsatz kommt. Nach der Schule wusste Götz: „Informationselektroniker, das ist es.“ Götz war sicher, er würde sich so einarbeiten, dass er seinen Platz finden würde. So sagt auch Bernd Kruggel seinen Schülern Jahr für Jahr: „Jeder muss sich seine eigene Nische suchen.“ Die Frage ist, wo die Leute noch bereit sind, den Preis für die Reparatur zu zahlen. Eine Nische entwickelt sich gerade: die Heimautomatisierung, mit der man per Smartphone-App vom Licht über den Fernseher bis zur Temperatur ziemlich alles steuern kann. Viele Privatkunden sind bereit, sich das vom Informationselektroniker einrichten zu lassen.

Daniel Götz hat ebenfalls seine Nische gefunden: Audiogeräte repariert er hauptsächlich für Veranstalter, Diskotheken und Musiker, deren Geräte meist so teuer sind, dass sich die Reparatur lohnt. Für ihn hat sich der Einsatz ausgezahlt. Am besten gefällt ihm die Abwechslung: Mal kann er in Ruhe in der Werkstatt vor sich hin werkeln, mal geht er in den Außendienst, besucht Kunden. „Und die Gerätevielfalt ist enorm“, sagt er. Durch die schnelle Weiterentwicklung bleibt dem Informationselektroniker nichts anderes übrig, als sich stets weiterzubilden. „Wir müssen unser Ausbildungsprofil ständig anpassen“, sagt sein Kollege Bernd Kruggel.

Von der Nische, die Daniel Götz gefunden hat, profitieren auch Privatkunden. Es sei paradox, sagt er, die Nachfrage sei oft noch vorhanden, aber die Geschäfte hätten alle zugemacht. „Und wenn Sie in den Großmarkt gehen mit einem Verstärker von 1980, n heißt es: Schmeißen Sie den weg und kaufen Sie sich was Schönes aus China.“ Doch manchmal hängt ein Herz eben doch am alten Verstärker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben