Wirtschaft : Aus der Sehhilfe wird ein modisches Kleidungsstück

SIMONE MATTHAEI

KÖLN .Wer seine Brille nicht findet, sollte vielleicht einmal auf der eigenen Nase suchen.Denn die neuen Brillen, die auf der Optica in Köln vorgestellt wurden, sind so leicht, daß man sie glatt auf dem Nasenrücken vergessen könnte.Leicht und komfortabel soll sie sein, die Sehhilfe.Kein schweres Metall, Titan, Edelstahl oder Kunststoff, mehrfach beschichtet, damit es nicht zerkratzt.

Trends zu setzen ist für die Branche enorm wichtig geworden, denn nur so lassen sich auf dem stagnierenden Inlandsmarkt neue Kunden gewinnen."Die Brille in Deutschland wird leider noch immer von dem gekauft, der eine tragen muß", bedauert Josef Frész, Geschäftsführer der Firma Zeiss.Das müsse sich ändern.Ein Imagewechsel müsse her.Die Brille müsse ein wichtiges Kleidungsstück werden.So wie in Italien, wo Brillen zum Outfit gehörten, und beliebig zum Anzug gewechselt würden.Deswegen bemüht sich die Branche die Sehhilfen auch in Deutschland als modisches Accessoire zu etablieren.Nicht mehr die ganz kleine winzige Brille ist in, sondern die leichte, im wahrsten Sinne des Wortes fassungslose Brille ist angesagt.Die Bügel haben komfortable Federhalterungen, Schrauben können sich nicht mehr lösen.Die Farben sind unauffälig.Nur noch wenige Wagemutige trauen sich wie TV-Moderatorin Illona Christensen mit mit auffälligen Gestellen nach draußen, die Mehrheit wird 1999 coole, dezente und leichte Brillen vorziehen.

Damit aber in Deutschland mehr als bisher zur Brille greifen, müsse der Imagewechsel der Brille von der reinen Sehhilfe hin zum modischen Kleidungsstück noch weiter forciert werden, findet Zeiss-Geschäftsführer Frész.Dabei besitzt der ideale Kunde nach Frész Vorstellungen vier Brillen: Eine für den Beruf, eine für Freizeit und Sport, eine dritte als Sonnenbrille und eine vierte fürs Autofahren.Erst dann, so Frész, sei ein Brillenträger perfekt bedient.Denn jede Tätigkeit verlange eine andere Sehhilfe.Eine Sportbrille müsse etwa besonders fest sitzen, die Sehhilfe fürs Autofahren müsse gut entspiegelt sein.

Doch in Deutschland ist man von solchen Zahlen weit entfernt.Statistisch gesehen besitzt jeder Sehbeinderte 1,7 Brillen.Die Situation hat sich seit letztem Jahr sogar noch verschlechtert.Seitdem der Kassenzuschuß gestrichen wurde, tragen viele ihre Brille "bis es nicht mehr geht", und wechseln bei Bedarf bestenfalls die Gläser aus.Traurig für die Branche.Zu schaffen macht Herstellern und Optikern auch, daß immer mehr Brillen von der Stange gekauft werden.

Neben Butter und Aufschnitt landet auch noch rasch eine neue Brille im Einkaufswagen.Immerhin werden in Deutschland 2,6 Millionen Fertigbrillen in Deutschland jährlich verkauft.Bei der Supermarkt-Brille werde zwar die Stärke der Gläser berücksichtigt, beklagt der Zentralverband der Augenoptiker (ZVA), nicht aber, daß die Sehbehinderungen des linken und des rechten Auges meist verschieden seien.Gesundheitsschäden seien nicht auszuschließen.

Die Hersteller gehen noch einen Schritt weiter.Qualität sei wichtig, "aber der Imagegewinn, den der Kunde erfährt, wenn er eine spezielle Marken- oder Designerbrille wählt, sei in Zukunft genauso wichtig," glaubt Zeiss-Geschäftsführer Frész.

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