Wirtschaft : Aus einer baden-württembergischen Kleinstadt an die Weltspitze geschraubt

KAREN WIENTGEN

Unternehmen, Kfz-Mechaniker, Handwerker und Hobbybastler - niemand kommt um sie herum: Um die Schrauben, Dübel, Möbel- und Baubeschläge und Isolierungen, die das Unternehmen vertreibt.Insgesamt sind es 50 000 verschiedene Produktvarianten.Denn Würth ist der weltweit größte Händler für Montage- und Befestigungstechnik.

So international die Vermarktung, so beschaulich der Sitz des Familienunternehmens: im Dorfe Künzelsau in Baden-Württemberg.Zwar bezieht das Unternehmen die Produkte von deutschen und europäischen Herstellern, produziert sie also nicht selbst.Doch entwickeln 120 Mitarbeiter in der eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung neue Erzeugnisse.Eines dieser innovativen Produkte, die nach Unternehmensangaben auch besonders erfolgreich auf dem Markt sind: Orsy, ein Lagerhaltungssystem für Handwerksbetriebe, das die Kosten minimieren soll.Einige hundert Patente hat das Unternehmen angemeldet.Daneben verkauft Würth in 60 Niederlassungen in Deutschland direkt an den Kunden.

Wie bei jeder Erfolgsgeschichte ging es klein los: Mit einem kleinen Schraubenhandel, wie es damals viele in jeder Stadt gab."Ich war damals zehn Jahre alt", erinnert sich Reinhold Würth.Vier Jahre später sei er als Lehrling in den Betrieb eingetreten.In der Aufbruchstimmung nach Kriegsende hatte sein Vater Adolf Würth eine Schraubengroßhandlung gegründet, nachdem er ein Vierteljahrhundert Prokurist einer Künzelsauer Firma gewesen war."Eine Eintagsfliege", kommentierte der zuständige Stadtverordnete skeptisch die Betriebsgründung.

Die eigentliche Aufbauarbeit leistete der Sohn Reinhold, der mit 19 Jahren überraschend und "mit Bangen" den Betrieb mit zwei Mitarbeitern übernehmen mußte."Mein Vater ist sehr jung an einem Herzinfarkt gestorben", erklärt Würth die frühe Verantwortung.Zielstrebig baute der heute 63jährige "die kleine solide Schraubengroßhandlung" aus: Er zog einen Außendienst auf und schuf aus der kleinen lokalen Schraubenhandlung ein überregional tätiges Unternehmen.Dabei beschränkte er sich nicht aufs Inland."Die erste Auslandsgesellschaft habe ich 1962 in Holland gegründet", sagt Würth.Wenig später entstanden Unternehmen in der Schweiz, Österreich, Italien und anderen europäischen Ländern.Inzwischen ist das Unternehmen in fast 70 Ländern mit 142 Gesellschaften und 20 000 Beschäftigten vertreten und erwirtschaftet im Ausland die Hälfte seines Umsatzes von mehr als sechs Mrd.DM.Das reicht Würth nicht.

Im Jahr 2000 will Reinhold Würth zehn Mrd.DM umsetzen - das ist der sportliche Ehrgeiz des Unternehmers."Ich habe drei Motorräder und fliege einen dreistrahligen Set", antwortet Würth, wenn man ihn nach privaten Interessen fragt.Zudem geht er mit seinen vier Enkelkindern auf dem Rhein segeln.Auch von Mitarbeitern verlangt er Begeisterung für Sport."Das ist für uns ein wichtiges Auswahlkriterium bei den Mitarbeitern", räumt Würth ein.Bis zu der Umsetzung der sportlichen Vision - von heute sechs Mrd.DM auf zehn Mrd.DM zur Jahrtausendwende - ist es noch ein Sprung.Doch angesichts von zweistelligen Wachstumsraten ist es kein unrealistisches Ziel.1997 ist der Umsatz um 27 Prozent gewachsen.

Reinhold Würth glaubt, daß das "überdurchschnittliche Wachstum" seines Unternehmens auch damit zu tun hat, daß "wir bei Würth im Bereich der Führungstechnik vieles gut gemacht haben".Managementtheorien und die Förderung der Mitarbeiter ist neben Sport eine große Leidenschaft von ihm.Seit er sich 1994 aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hat und "nur noch" als Beiratsmitglied die Unternehmensentwicklung begleitet, hat er jetzt mehr Zeit, sich diesem Anliegen zu widmen.Würth will die Rädchen optimieren, die seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornen.Zu welchem Schluß ist er gekommmen? Der einzelne muß Spaß an der Arbeit haben, so daß sie wie ein Hobby erscheint und er muß gefördert werden.Die Voraussetzung: Die Unternehmenskultur muß stimmen.Als "fröhlich, leistungsbereit, berechenbar und aggressiv" beschreibt er die seines Unternehmens.Besonders gute Außendienstmitarbeiter kommen in den "Erfolgsclub" oder, noch exklusiver, in den "Topclub".Nicht zuletzt eine eigens gegründete Akademie und umfangreiche Kunstaktionen, etwa mit Christo und Jeanne-Claude - die vor einiger Zeit die Innenräume des Unternehmens mit weißen Tüchern verhüllten - sollen die Mitarbeiter über den Tellerrand schauen lassen.Ob ein Familienmitglied sein Werk fortführt, etwa die Tochter, die schon einem Bereich vorsteht, ist ungewiß.Ungewiß ist die Zukunft des Unternehmens aber nicht: Vor einigen Jahren hat Reinhold Würth in Anlehnung an die Bosch-Stiftung das Betriebsvermögen in eine Stiftung eingebracht, um den Bestand des Unternehmens zu sichern.

Eine Ära geht zu Ende.50 Jahre ist die D-Mark alt, Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung und Stabilität in der Bundesrepublik Deutschland.Geprägt haben diesen Aufbau in den Wirtschaftswunderjahren eine ganze Reihe von Betrieben und Unternehmern, die Gründergeneration der Nachkriegszeit.Nun macht die D-Mark dem Euro Platz.Was ist aus den Unternehmen der Wirtschaftswunderjahre geworden, wie haben sie den Generationswechsel bewältigt? Der Tagesspiegel stellt einige von ihnen in lockerer Folge vor.

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