Wirtschaft : Aus freien Stücken

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Berlin - In der DDR gab es für die Kombinate eine einfache Regel: Waren, die weiter als 50 Kilometer transportiert werden mussten, waren auf die Eisenbahn zu verladen. Punkt. Dieselschwaden und endlose Lkw-Staus konnte der Arbeiter- und Bauernstaat nicht gebrauchen, das hätte das Straßennetz überfordert. So hatten die Werktätigen freie Fahrt.

So könnte es bald wieder sein. Nur dass dann die Spediteure ihre Güter aus freien Stücken auf die Bahn hieven lassen. Gelingen soll das mit einem neuen Verladesystem, das seine Erfinder als revolutionär preisen. Sie haben es Cargobeamer genannt – tatsächlich könnte damit die uralte Hoffnung von Öko-Träumern wahr werden, die meisten Waren und Rohstoffe umweltfreundlich per Schiene zu verschicken. Angesichts heute schon verstopfter Autobahnen weckt die Idee in der Branche große Hoffnungen. „Nur acht unserer Verlade-Terminals wären nötig, um 80 Prozent des Güterverkehrs in Deutschland per Bahn abwickeln zu können“, sagt Michael Baier, einer der Väter des Cargobeamers. Heute sind es gerade mal 16 Prozent.

Bisher ist es umständlich, die Fracht von der Straße auf die Schiene zu bekommen. Bei der sogenannten „rollenden Landstraße“ werden ganze Lkws per Waggon durch die Gegend kutschiert. Und beim Kombiverkehr muss die Ladung per Kran umständlich auf den Zug gehievt werden. Das mitunter dauert Stunden – zu lange für die Logistiker, die zu punktgenauen Terminen liefern müssen. Zudem lassen sich die meisten Lkw-Anhänger gar nicht per Kran anheben.

Beim Cargobeamer fährt der Lkw in eine stählerne Transportwanne, die parallel neben einem Güterzug liegt. Nachdem sich die Zugmaschine ihres Sattelaufliegers entledigt hat und weitergefahren ist, schieben sich seitlich hydraulische Greifarme unter die Wanne und heben sie an wie ein Gabelstapler. Nach wenigen Momenten wird die Wanne auf dem Zug abgesetzt, der Vorgang ist nach 15 Minuten beendet. Auch lassen sich so Waren in Windeseile von einem Zug mit Normalspur auf die russische Breitspur umsetzen.

Die Technik republikweit aufzubauen, kostet den Cargobeamern zufolge 100 Millionen Euro – für die Terminals und die speziellen Waggons. „Wir sind privat finanziert und auf Staatshilfe nicht angewiesen“, sagt Baier. „Mit einer Bürgschaft würde der Aufbau allerdings schneller gehen.“ Erst einmal gibt es eine Demonstrationsanlage in Leipzig, die ab Oktober täglich drei Waggons mit dem Ziel Ruhrgebiet beladen soll. Als nächstes entsteht ein Terminal in Litauen, um den Spurwechsel auf der Strecke Rotterdam-Riga zu beschleunigen. Carsten Brönstrup

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