Wirtschaft : "Aus" für das Bezahlfernsehen von Kirch / Bertelsmann

BRÜSSEL / MÜNCHEN (dpa).Die gemeinsamen Pläne der Medienunternehmen Kirch und Bertelsmann für ein digitales Fernsehen stehen vor dem Aus.Die Europäische Kommission wird die Allianz nicht genehmigen, wie am Sonntag aus der Behörde in Brüssel verlautete.Die Unternehmen hätten am Sonnabend abend schriftlich erklärt, keine weiteren Zugeständnisse machen zu wollen."Bertelsmann und Kirch haben weitere Änderungen ihrer Pläne als unzumutbar abgelehnt", sagte ein Beamter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Die Münchner Kirch-Gruppe will den Beschluß der Kommission abwarten."Eine Entscheidung kann erst am Mittwoch fallen", sagte ein Sprecher der Kirch-Gruppe am Sonntag in München.Die aktuellen Verlautbarungen aus der Behörde könnten nicht nachvollzogen werden."Wir sind weiter der Auffassung, daß wir der Kommission ein genehmigungsfähiges Konzept vorgelegt haben", sagte der Unternehmenssprecher.

An diesem Montag werden die Brüsseler Wettbewerbshüter die EU-Staaten abschließend über den Fall informieren und deren Stellungnahmen einholen.Es ist zu erwarten, daß die Mitgliedsstaaten wie schon am 6.Mai der ablehnenden Haltung von Wettbewerbskommissar Karel van Miert folgen werden.Am kommenden Mittwoch will van Miert dann die Entscheidung durch die Kommission absegnen lassen.Die Entscheidungsfrist läuft am 3.Juni aus.

Die Medienunternehmen wollten ihre Pay-TV-Sender DF 1 (Kirch) und Premiere (Bertelsmann/Kirch) verschmelzen.Gemeinsam mit der Deutschen Telekom AG, Bonn, planten sie zudem, ein gemeinsames Unternehmen für die Empfangstechnik und die weitere technische Entwicklung des digitalen Fernsehens zu gründen.Die zuerst in Brüssel vorgelegten Pläne lehnte van Miert ab, da sie nach seiner Ansicht zu einem Monopol beim Pay-TV im deutschsprachigen Raum führen.

Wenige Stunden vor Ablauf der Prüfung am 27.April hatten die Unternehmen eingelenkt und Zugeständnisse gemacht.Unter anderem sollten für Konkurrenten ein Viertel der Programmrechte mit den großen Hollywood-Studios bereitgestellt werden.Zugeständnisse gab es auch beim Vertrieb und der Gestaltung der Programme durch Dritte.Wie aus der Kommission weiter verlautete, reichten die Änderungen allerdings für eine Genehmigung nicht aus.Die Auflagen an Kabelnetzbetreiber, die eigenständig Programme vermarkten wollen, hätten keinen Wettbewerb garantiert.

Auf der technologischen Seite des Projekts, dem Gemeinschaftsunternehmen Beta Research, seien hingegen die meisten Probleme ausgeräumt worden.In der vergangenen Woche gemachte Zugeständnisse der Deutschen Telekom seien Schritte in die richtige Richtung gewesen und hätten Chance auf Genehmigung gehabt.Dabei ging es um den Zugriff von Konkurrenten auf den Decoder d-box, der für den Empfang von Pay-TV nötig ist.

Unabhängig von der Brüsseler Entscheidung hatte die Bertelsmann-Tochter CLT-UFA erklärt, Premiere werde langfristig ausgebaut.Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn hatte darauf hingewiesen, daß der Münchner Film- und Fernsehkonzern bei einem Nein aus Brüssel dann unverändert mit 25 Prozent an Premiere beteiligt sei.Am technischen Standard für das Digitalfernsehen mit der "d-box" werde festgehalten.

Doch scheint der 71jährige Film- und Fernsehpionier Leo Kirch mit seinen Plänen, die Vorreiterrolle beim Eintritt in die digitale Fernsehwelt zu spielen, gescheitert zu sein.Für den Aufbau seines Geschäfts setzte der Unternehmer nach einer 1994 an den Brüsseler-Wettbewerbsbehörden gescheiterten Allianz alles auf eine Karte.Mit der Sendeplattform DF-1 und der selbst entwickelten Technologie für das Empfangsgerät "d-box" wollte Kirch zeigen, wohin die Technologiereise führt: Fernsehen, Dienstleistungen, Firmenkommunikation - das alles sollte das DF-1 leisten.

Unternehmensbeobachter sprachen von einem immensen Risiko.Die Kirch-Gruppe, die sich mit dem Handeln von Programmrechten, dem riesigen Filmvermögen und Beteiligungen an TV-Sendern eine führende Position erarbeitet hat, ging zum ersten Mal direkt beim Fernsehzuschauer auf Kundenfang - und scheiterte.Das juristische und öffentliche Hick-hack mit dem bekannten Abo-Sender Premiere, der inzwischen auch digitale Ausstrahlungsformen testete, verunsicherte die Kunden.Zudem wurde DF-1 nicht auf breiter Basis in das Kabelnetz eingespeist.Derzeit hat "Premiere" rund 1,6 Mill.Abonnenten und DF-1 rund 160 000.Die Kirch-Gruppe kündigte Ende April denn auch an, daß sie die Sendeplattform DF-1 einstellt, wenn die Fusion mit Premiere durch die Kommission nicht genehmigt wird.Nach gut einer Mrd.DM Anlaufverlusten für DF-1 bis 1997 sei ein wirtschaftlicher Alleingang der Kirch-Gruppe nicht mehr vertretbar, hieß es.

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