Wirtschaft : Aus Not selbstständig

Wirtschaftliche Existenzangst treibt Gründerzahlen / Subjektive Wahrnehmung schlechter als die Lage

Stefan Kaiser

Berlin - Immer mehr Existenzgründer in Deutschland handeln aus ökonomischer Not. Das geht aus dem Länderbericht Deutschland des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) hervor, der am Mittwoch vom Kölner Professor Rolf Sternberg, der staatlichen KfW Bankengruppe und dem Institut für Arbeitsmarkt (IAB) vorgestellt wurde.

Demnach geht etwa jede dritte Existenzgründung auf einen Mangel an Erwerbsalternativen zurück, im Osten Deutschlands sogar fast jede zweite. „Das ist mehr als in jedem anderen vergleichbaren Land“, sagte Sternberg. Die Zahl der Existenzgründer, die nicht aus ökonomischer Not handeln, sondern Marktchancen ausnutzen wollen, sei dagegen zurückgegangen. Diese Entwicklung sei nicht allein mit der gestiegenen Zahl von Ich AGs zu begründen. Diese machten nur einen relativ geringen Teil der Gründungen aus.

Das Statistische Bundesamt misst den Förderprogrammen der Bundesagentur für Arbeit dagegen eine größere Bedeutung zu. Ich AGs und Überbrückungsgeld hätten maßgeblich zu einem Gründerboom bei Kleinbetrieben beigetragen, so das Bundesamt. 2004 seien mit knapp 643 000 rund ein Viertel mehr Kleinbetriebe angemeldet worden als im Vorjahr. Das Statistische Bundesamt meldet auch insgesamt steigende Gründerzahlen. Mit rund 960 000 Betrieben seien 2004 etwa 18 Prozent mehr Betriebe angemeldet worden als im Jahr zuvor.

Das Bundesamt erfasst nur die tatsächlich vollzogenen Gründungen, während der GEM-Bericht auf Basis einer Umfrage in 33 Ländern die geplanten Gründungen zu einem bestimmten Umfragezeitpunkt misst. Danach ist die Gesamtzahl der Gründungen im vergangenen Jahr nahezu gleich geblieben.

Die Aussichten für Gründer beurteilen die Deutschen laut GEM-Bericht insgesamt äußerst pessimistisch. Sie sehen die Chancen für Unternehmensgründungen schlechter als die befragten Bürger in allen anderen Ländern und auch schlechter als im Jahr zuvor. „Das ist eine Reaktion auf die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre“, sagte Sternberger. Diese werde allerdings deutlich überinterpretiert. Die subjektive Wahrnehmung sei viel schlechter als die tatsächliche Lage.

Die Rahmenbedingungen für Gründungen sind laut GEM-Bericht in Deutschland nämlich vergleichsweise gut. Unter den 30 untersuchten Ländern landete Deutschland auf Platz zehn. Die öffentlichen Förderprogramme wurden sogar besser bewertet als in allen übrigen Ländern. Dagegen bemängelte Sternberg, dass Unternehmensgründungen im deutschen Bildungssystem nicht ausreichend gelehrt würden.

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