Wirtschaft : Aus ohne Bildung

15 700 Jugendliche fanden im vergangenen Jahr keine Lehrstelle – die tatsächliche Zahl liegt aber viel höher

Carsten Brönstrup

Berlin - Trotz intensiver Bemühungen der Wirtschaft, genügend Lehrstellen anzubieten, ist die Zahl der erfolglosen Bewerber 2006 gestiegen. Rechnerisch gingen bei der Suche 15 700 Jugendliche leer aus, wie die Bundesagentur für Arbeit am Montag mitteilte. Das war der höchste Stand seit Bestehen des Ausbildungspaktes im Jahr 2004. Während Wirtschaft und Regierung dennoch von einem Erfolg sprachen, forderten die Gewerkschaften Strafen für Betriebe, die nicht ausbilden.

Ende September hatte die Lehrstellenlücke – der Saldo von unversorgten Bewerbern und offenen Stellen – noch bei 49 500 gelegen. Durch Nachvermittlung sank die Zahl bis Mitte Januar um 32 000. Derzeit suchen noch 17 500 Jugendliche einen Ausbildungsplatz, 1800 mehr als im Vorjahr. Zugleich gibt es 1700 freie Plätze. Im Vorjahr war die Lehrstellenlücke noch um 3800 geringer.

Von einem „großartigen Ergebnis“ sprach dennoch Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Insgesamt boten die Betriebe 576 200 Lehrstellen an, 67 900 davon waren neu. Angesichts der um 22 000 gestiegenen Bewerberzahl hätten sich die Anstrengungen zur Nachvermittlung ausgezahlt, sagte Wansleben. „Es gibt keinen Grund, jetzt die Flinte ins Korn zu werfen.“ In Industrie, Handel und Dienstleistungen lag das Plus bei 5,5 Prozent, im Handwerk waren es 3,1 Prozent mehr. Wer keine Stelle gefunden habe, könne eine Einstiegsqualifizierung bekommen – das sind meist ein Jahr dauernde Praktika. Knapp 70 Prozent der Jugendlichen in diesen Maßnahmen fänden später eine Lehrstelle, berichtete Wansleben.

Auch in der Hauptstadtregion war die Nachvermittlung erfolgreich. 5642 Jugendliche in Berlin und 3828 in Brandenburg fanden im Herbst noch eine Lehrstelle, das waren jeweils deutlich mehr als vor einem Jahr. Bei den Arbeitsagenturen sind noch 1616 (Berlin) und 665 (Brandenburg) Bewerber als unvermittelt gemeldet. Es gebe noch eine Reihe von Lehrstellen und Angeboten, sagte ein Sprecher der Arbeitsagentur.

Heinrich Alt, Vizechef der Bundesagentur für Arbeit, zeigte sich zuversichtlich, dass der Aufschwung in diesem Jahr für Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt sorgen werde. Der DIHK gab als Ziel zwei bis drei Prozent mehr Lehrverträge aus.

Kritiker zweifeln jedoch am Erfolg des dualen Bildungssystems. „40 Prozent der Jugendlichen, die sich pro Jahr bewerben, finden keine reguläre Lehrstelle und landen in berufsvorbereitenden Maßnahmen“, sagte der Göttinger Bildungsexperte Martin Baethge, Autor einer noch unveröffentlichten Lehrstellen-Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Hier habe es eine enorme Zunahme in den vergangenen Jahren gegeben. Dies spiegele zum einen die Probleme der Schulen, zum anderen das Missverhältnis zwischen dem sinkenden Angebot und der steigenden Nachfrage nach Lehrstellen.

Die Gewerkschaften forderten ein Umsteuern in der Bildungspolitik. Die Ausbildungszahlen seien „kein Grund zum Jubeln“, sagte DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock dieser Zeitung. Zwar sei jeder zusätzliche Platz zu begrüßen – es gebe aber eine „zusätzliche, echte Nachfrage von 150 000 Jugendlichen“. Dieser Anteil unversorgter Bewerber steige ständig an. „Der Pakt hat auch nichts daran geändert, dass nach wie vor nur 23 Prozent der Betriebe ausbilden“, kritisierte sie. Nötig sei zum einen ein Sofortprogramm mit 50 000 Lehrstellen aus BA-Mitteln. „Und wir brauchen eine Ausbildungsumlage, damit sich alle Unternehmen an den Kosten von Ausbildung beteiligen.“

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