Ausbildung : Gute Noten sind nicht alles

Verbände und Kammern fordern die Berliner Firmen auf, auch schwächere Jugendliche auszubilden. Von den mehr als 10.000 betrieblichen Ausbildungsplätzen in Berlin sind derzeit gerade einmal 4000 besetzt.

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Betrieb statt Schule, fordern IHK und Handwerkskammer. Foto: picture-alliance/dpa
Betrieb statt Schule, fordern IHK und Handwerkskammer.Foto: picture-alliance/dpa

Berlin - Corrado Blandau und Kevin Pelzer haben es fast geschafft: Sie stehen im dritten Jahr ihrer Ausbildung beim Berliner Umzugsunternehmen Zapf und kurz vor ihrer praktischen Abschlussprüfung zur Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice. Und sie haben die Chance, übernommen zu werden. Für die beiden Jungs war das kein vorgezeichneter Weg. Sie verließen die Hauptschule mit schlechten Noten. Das blieb auch nach Beginn der Ausbildung bei Zapf so. „In der Berufsschule waren die Noten nicht so gut“, sagt Kevin. Der Betrieb half Kevin und Corrado: Sie bekamen über die Bundesagentur für Arbeit Nachhilfe in den schwierigen Fächern und Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung. „Das hat viel geholfen“, sagen beide.

Die sogenannten „ausbildungsbegleitenden Hilfen“ der Bundesagentur für Arbeit sind nur eine der vielen Maßnahmen, die die Ausbildungschancen für schwächere Jugendliche erhöhen sollen. Dafür gibt die Bundesagentur in Berlin jedes Jahr 1,5 Millionen Euro aus. Denn längst zwingt der Fachkräftemangel die Firmen, auch Azubis zu nehmen, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen – weil sie schlechte Noten, sprachliche oder gar soziale Defizite haben. Von den mehr als 10 000 betrieblichen Ausbildungsplätzen in Berlin sind derzeit nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) gerade einmal 4000 besetzt. In Brandenburg ist der Bedarf noch viel größer. Hier sind von 10 500 Ausbildungsplätzen in den Betrieben noch 6700 frei.

Deshalb haben nun die Industrie- und Handelskammer (IHK), die Vereinigung der Unternehmensverbände (UVB), die Handwerkskammer und die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit die Berliner Betriebe aufgefordert, mehr schwächeren Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu bieten. „Wir hören oft, dass die Betriebe nicht zufrieden sind mit den Bewerbern“, sagte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, am Montag. Der Kampf um die Fachkräfte habe jedoch längst begonnen, die Schulabgängerzahlen gingen zurück. „Die Firmen müssen sich heute die Fachkräfte von morgen sichern – auch wenn sie noch nicht dem Idealbild entsprechen“, sagte Eder. Jugendliche könnten sich auch in der Ausbildung entwickeln, etwa über die betriebliche Einstiegsqualifizierung der Bundesagentur für Arbeit. Sie soll in einem Zeitraum von sechs bis 12 Monaten besonders schwache Jugendliche fit für den Ausbildungsstart machen.

In Berlin ist die Zahl der Ausbildungsplätze in Betrieben sogar um 1300 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. „Für die Unternehmen gibt es keinen Grund, Stellen unbesetzt zu lassen“, sagte Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Sie appellierte aber auch an die Jugendlichen, sich zügig zu bewerben und flexibel zu sein. „Die Chancen sind gut, denn in allen Berufen gibt es noch offene Stellen, von der Einzelhandelskauffrau bis zum Mechatroniker.“

Die Verbände sprachen sich zudem für eine Stärkung der betrieblichen Ausbildung und einen weiteren Abbau schulischer Maßnahmen aus. Der Senat hat darauf bereits reagiert und die Plätze in schulischen Maßnahmen auf 2500 reduziert. 1997 waren es noch fast 5000.

Unterdessen hat sich der DGB Berlin-Brandenburg für eine aktive Industriepolitik ausgesprochen. „Es bleibt noch viel zu tun, bis Berlin ein der Größe der Stadt angemessenes industrielles Fundament besitzt“, schrieben 65 Betriebsräte aus der Berliner Industrie in einem Memorandum. Sie fordern von allen Parteien ein klares Bekenntnis zum Industriestandort und mehr Mittel für die Ausbildung.

Kevin Pelzer und Corrado Blandau sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. „Mir macht der Umgang mit den Kunden Spaß“, sagt Kevin. Und Corrado, der eigentlich LKW-Fahrer werden wollte, freut sich über die viele Abwechslung. Steffen Pröhl, Ausbildungsleiter bei Zapf, will auch künftig schwächeren Jugendlichen eine Chance geben: „Wichtiger als gute Noten sind der Wille und ein klares Ziel.“

Telefonaktion: Hilfe bei der Suche

Die Berliner Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer Berlin geben am 27. Juni telefonisch Auskünfte bei Fragen zur Berufsausbildung und bieten Hilfe bei der Vermittlung von Ausbildungsplätzen. Die Telefonhotlines sind zwischen 8 und 18 Uhr zu erreichen. Informationen zu Berufen des Handels und der Industrie gibt es unter 030/ 31510-333, zu Berufen des Handwerks können sich Interessenten unter 030/25903-555 informieren. Derzeit sind von den rund 10.000 betrieblichen Ausbildungsplätzen in Berlin nach BA-Angaben erst 4000 besetzt.

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