Ausbildung : Türkisch für Fortgeschrittene

In Berlins Betrieben lernen dreimal so viele Migrantenkinder wie gedacht. Die Ausbildungsqualität hat sich verbessert.

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Putz die Sonne. Spaß am Beruf ist das stärkste Argument für die Wahl des Ausbildungsplatzes. Auch wenn der Azubi auch schon mal zum Lappen greifen muss. Foto: Ullstein
Putz die Sonne. Spaß am Beruf ist das stärkste Argument für die Wahl des Ausbildungsplatzes. Auch wenn der Azubi auch schon mal...Foto: Ullstein

Glaubt man nur der offiziellen Statistik des Landes Berlin, ist die betriebliche Ausbildung in der Hauptstadt eine ziemlich deutsche Angelegenheit: Im Jahr 2009 hatten lediglich 4,9 Prozent, also nur einer von 20 Auszubildenden, keinen deutschen Pass. Gemessen an einer allgemeinen Ausländerquote von 13,7 Prozent in Berlin (2009), sind Ausländer in den Betrieben damit deutlich unterrepräsentiert. Jetzt hat die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) erstmals selbst eine Umfrage unter den Absolventen der Berufsausbildung gemacht.

Aus den Ergebnissen, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegen, geht hervor: Immerhin drei von 20, also 15 Prozent der erfolgreichen Azubis, haben mindestens einen Elternteil, der nicht aus Deutschland stammt – sondern aus der Türkei, Polen, dem sonstigen Europa oder Asien zum Beispiel. Bei der IHK ist man zugleich erstaunt wie erfreut: „Unsere Wirtschaft wird immer internationaler. Migranten haben ein großes Potenzial und bringen auch interkulturelle Kompetenzen in die Betriebe ein“, sagt IHK-Geschäftsführer Christoph von Knobelsdorff. Er will künftig stärker darum werben, dass noch mehr Kinder von Migranten den Weg in die Betriebe finden.

Er weist zudem darauf hin, dass die Studie auch mit einem anderen Klischee aufräumt: Azubis, auch deutsche, seien zu bequem, sich für eine Ausbildungsstelle aus dem Kiez herauszubewegen. Die Wohnortnähe des Betriebes spielte nur bei gut sechs Prozent der erfolgreich Ausgebildeten eine Rolle bei der Wahl. Wichtiger waren den meisten „Spaß am Beruf“ (73 Prozent) sowie „Sicherheit und Zukunftschancen“ (48 Prozent).

Bei der IHK will man die Ergebnisse nicht überbewerten, spricht nicht von belastbaren Daten, sondern von „Näherungswerten“ und einem „Stimmungsbild“, da zwar alle 10 328 jungen Menschen, die ihre Ausbildung im vergangenen Herbst erfolgreich abgeschlossen haben, mit ihrem Zeugnis einen Fragebogen bekamen, aber nur 406 davon diesen auch zurückschickten. Knobelsdorff will die Umfrage künftig jedes Jahr durchführen, um Vergleichsdaten zu gewinnen.

Aber auch ohne Daten aus Vorjahren sieht Knobelsdorff seine These bestätigt, dass die Qualität der Ausbildung sich verbessert hat. Denn die überwiegende Mehrheit der Absolventen war mit der Ausbildung zufrieden: Gut 40 Prozent gaben an, in ihrem Traumberuf gelandet zu sein. Und 43 Prozent sagten, sie hätten eine gute Alternative dazu gefunden. Der Rest, gut 16 Prozent, nannte die Ausbildungsplatzwahl eine „Notlösung“.

Die mögliche Vorstellung einiger jungen Leute, dass die Ausbildung fast automatisch in ein Angestelltenverhältnis führt, muss hinterfragt werden: Zwar gab gut die Hälfte (54 Prozent) der Ausgebildeten an, bereits von ihrem Ausbildungsbetrieb oder einem anderen Unternehmen in ein Arbeitsverhältnis übernommen worden zu sein. Gut 28 Prozent, also mehr als ein Viertel, war noch auf der Suche nach einer Stelle.

Wenig schmeichelhaft sind die Ergebnisse der Umfrage für die staatlichen Arbeitsvermittler: Nur 22 Prozent der Befragten gaben an, für sie seien Angebote der Agentur für Arbeit von vorrangiger Bedeutung bei der Wahl des Ausbildungsplatzes gewesen. Mehr als 26 Prozent nannten private Internet-Jobbörsen und die der IHK selbst als wichtigste Quelle. Immerhin fast 15 Prozent der Auszubildenden waren auch mit einer Initiativbewerbung, also ohne vorherige Ausschreibung erfolgreich.

Die IHK sieht die Ausbildung in Berlin auf einem guten Weg und klagt zugleich darüber, dass zu wenig „qualifizierte Bewerber“ den Betrieben zur Verfügung stehen. „Wir haben Probleme, die vorhandenen Plätze zu besetzen“, sagt Knobelsdorff auch jetzt dieser Zeitung wieder. Sozialpolitiker und Gewerkschaften führen dagegen an, dass die Zahl der jungen Menschen, die dennoch keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt bekommt, stetig wächst. Zudem kommt in Berlin nun ein Doppeljahrgang aus den Schulen, da erstmals das Abi nach bereits zwölf Jahren gemacht wurde. Die Aussetzung der Wehrpflicht wird außerdem den Druck erhöhen: „Ich sehe da – anders als einige in der Verwaltung – überhaupt kein Problem, sondern eine große Chance für die Unternehmen, ihre Plätze mit qualifizierten Bewerbern zu bestücken. Ich erwarte keine nennenswerten Verdrängungseffekte“.

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