Ausblick 2014 : Ein Jahr zum Jubeln

2014 wird spitze: Der Aufschwung kommt, die Euro-Krise geht, die Energiewende nimmt Fahrt auf und die Hauptstadt hängt alle ab.

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Knaller. Aus wirtschaftlicher Perspektive verspricht 2014 ein gutes Jahr zu werden.
Knaller. Aus wirtschaftlicher Perspektive verspricht 2014 ein gutes Jahr zu werden.Foto: dpa

Es gibt Menschen, die jetzt schon sicher sein dürfen, dass das neue Jahr für sie schwierig werden wird. Eva-Lotta Sjöstedt zum Beispiel, die neue Karstadt-Chefin, die den Warenhaus-Konzern vor der fast sicheren Pleite bewahren muss. Wolfgang Prock- Schauer etwa, dessen Air Berlin noch immer keine beruhigenden Zahlen präsentieren kann. Zalando-Geschäftsführer Rubin Ritter, der die Anleger davon überzeugen muss, dass sein Online-Konzern nach dem geplanten Börsengang dauerhaft schwarze Zahlen schreiben wird. Und natürlich Frankreichs Präsident François Hollande, der Gefahr läuft, wegen schwacher Konjunktur und hoher Schulden immer weiter abzurutschen, bis sein Staat das nächstes Euro-Krisenland wird.

Die meisten Deutschen können indes sehr entspannt auf das neue Jahr blicken. Nachdem sie bei den letzten Silvesterfesten nie sicher sein konnten, ob die Finanzkrise nicht doch mit Wucht zurückkehrt, sind nun die Aussichten für 2014 so gut wie lange nicht mehr. Das Jobwunder geht weiter, die Konjunkturprognosen sind hervorragend, höhere Steuern nicht in Sicht. Und die Reformpläne von Union und SPD in Sachen Rente und Arbeitsmarkt müssen erst einmal ihren Weg ins Gesetzblatt finden – wenn überhaupt, werden die Vorhaben eher mittelfristig die Konjunktur bremsen, sagen Ökonomen.

Nur ein Problem bleibt: Die Zinsen dürften vorerst so mickrig bleiben – das bringt die Altersvorsorge vieler Bürger in Turbulenzen. „Derzeit wird der Ertrag sicherer Anlagen von der Inflation aufgezehrt, der Vermögenserhalt fällt schwer“, sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Die Deutschen wählen daher die einzige Alternative, die sich derzeit bietet: Sie gehen shoppen.

Viermal so viel Aufschwung

Beim Wirtschaftswachstum stand Deutschland 2013 in Europa ganz weit oben – und das mit einem winzigen Plus von wohl nur einem halben Prozent. Das sagt vieles über die triste Lage in der Euro-Zone. Im neuen Jahr soll es beherzter zugehen: Zwischen gut einem und satten zweieinhalb Prozent bewegen sich die Konjunkturprognosen für die Bundesrepublik. Neuer Schwung kommt vor allem durch die Geldpolitik. Deutsche Unternehmen können sich frisches Kapital zu Konditionen besorgen, die so günstig sind wie seit 50 Jahren nicht mehr. Denn aus Rücksicht auf den Rest der Euro-Zone hält die Europäische Zentralbank die Zinsen niedrig. Das sorgt für die besten Stimmungswerte bei Unternehmensentscheidern seit anderthalb Jahren. Auf diese Weise kommen endlich auch wieder die Investitionen der Firmen in Gang, die seit Jahren zu wünschen übrig lassen und so das Wachstum bremsen. Auch in Wohnungen und Häuser werden Bürger und Betriebe angesichts der steigenden Miet- und Quadratmeterpreise viel Geld stecken. Zudem sorgt das Ausland für Belebung – die USA sind dabei, ihre Wachstumsschwäche zu überwinden, auch China findet zu alter Stärke zurück. Für den Arbeitsmarkt sind das gute Nachrichten – etwa 300.000 neue Stellen dürften 2014 hinzukommen. Die Jobsuchenden werden davon allerdings nur in überschaubarem Maß profitieren. Vor allem Zuwanderer und Menschen, die bisher gar nicht gearbeitet haben, dürften hier zum Zuge kommen.

Es lebe der Sport

Sportfreunde werden 2014 aus dem Jubeln kaum mehr herauskommen. Im Februar wetteifern Eiskunstläufer, Skispringer und Biathleten im russischen Sotschi um olympisches Edelmetall. Und im Juli spielen die 32 besten Fußball-Nationalteams in Brasilien um den Weltmeistertitel. Die beiden wichtigsten Sportereignisse unserer Zeit sind für die Sportartikelhersteller enorm wichtig, hier können sie ihre Textil- und Schuhkollektionen einem Milliardenpublikum präsentieren. Beispielsweise Adidas – zwar rüsten die Franken nicht die Seleçao von Gastgeberland Brasilien aus, das tut der Konkurrent Nike. Adidas-Chef Herbert Hainer prognostiziert aber souverän: „Früher oder später werden wir die Nummer eins in Brasilien sein.“ Die WM soll der Schlüssel für den südamerikanischen Markt sein – dort hat Adidas Millionen Menschen ausgemacht, die als potenzielle Käufer infrage kommen. Schon im Februar geht es aber um viel mehr als nur um Fußball. Mit dem immensen Aufwand von 36 Milliarden Euro hat Russland die Winterspiele am Schwarzen Meer vorbereitet. Firmen müssen aber nicht unbedingt einer der zehn Top-Sponsoren von Coca-Cola über McDonald’s bis zu Samsung sein, um auf sich aufmerksam zu machen. Kärcher etwa stellt gut 200 Reinigungsmaschinen zur Verfügung, die den Olympischen Park und die Wettkampfstätten sauber halten sollen. Das könnte ein gutes Geschäft werden: 143 Millionen Russen sind ein interessanter Markt. Doch ein Selbstläufer ist Olympia für die Weltkonzerne nicht. Sollten die Russen in Sachen Menschenrechte wieder unangenehm auffallen, könnte der Schuss nach hinten losgehen.

Berlin schließt die Lücke

Was ist bloß mit der Hauptstadt los? Jahrelang belegte Berlin bei Vergleichen zuverlässig die hinteren Plätze und bestätigte immer wieder sein Image von der leistungslahmen Party-Metropole. Doch plötzlich prescht die Stadt vor: In den vergangenen sechs Jahren lag das Wachstum vier Mal über dem Bundesschnitt. 2014 soll sich daran nichts ändern – ein um 2,0 Prozent höheres Bruttoinlandsprodukt sieht die landeseigene Investitionsbank Berlin. Im laufenden Jahr reicht es wohl nur zu 1,2 Prozent. Das Geschäftsmodell der Stadt ist einfach: Touristen anlocken, ihnen Essen und Trinken sowie einen Platz zum Schlafen verkaufen; bei Branchen mitmischen, die nach Zukunft klingen – Forschung, Medien, Gesundheit, Verkehr – fertig. Funktioniert der Plan auch in Zukunft, könnte Berlin 2020 die Wohlstandslücke zum Rest der Republik schließen, kalkulieren Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. 2030 könnte die Wirtschaftskraft sogar um 30 Prozent über dem deutschen Mittel liegen – wenn nichts dazwischenkommt. Das ist bei Prognosen allerdings selten der Fall.

Sigmar Gabriel wendet die Energie

Für die neue Regierung ist sie das wirtschaftspolitische Top-Thema: die Energiewende. „Wenn sie misslingt, wird der Wohlstand in Deutschland Schaden nehmen“, warnt Sigmar Gabriel, nun der zuständige Minister. Vor allem braucht die Ökostrom-Förderung eine neue Basis. Das bisherige System wird die Umverteilung für Grünstrom 2014 auf etwa 23,5 Milliarden Euro anschwellen lassen. Zudem muss Gabriel die Industrierabatte bei der Ökostrom-Umlage drücken. Weniger Ausnahmen für stromintensive Betriebe gefährden Jobs, entlasten aber die Bürger. Auch der Netzausbau lahmt, erst 320 von geplanten 1855 Kilometern neue Trassen sind errichtet. Sein entscheidendes Jahr hat Gabriel mit klugen Schachzügen vorbereitet: Einerseits engagierte er den Grünen Rainer Baake als Staatssekretär, der schon unter Jürgen Trittin die Fäden zog. Andererseits übernahm er in gleicher Funktion Stefan Kapferer von seinem FDP-Vorgänger – ein Bekenntnis, dass die Energiewende auch für die Firmen tragbar sein muss. Klar ist: Gelingt das Projekt, empfiehlt sich Gabriel für höhere Aufgaben.

Noch eine Revolution von Google

Technik für unterwegs – das ist einer der großen Trends für das neue Jahr. In vielerlei Hinsicht: Die Elektroautos etwa kommen nun, wo die deutschen Konzerne aufgewacht sind, richtig in Schwung. Volkswagen setzt im Frühjahr den Golf unter Strom, seinen Bestseller. Ein paar Monate später kommt der i8 von BMW, ein überwiegend aus Karbon gefertigter Sportwagen mit Hybridantrieb, in den die Bayern große Hoffnungen setzen. Mitnehmen lassen sich auch die neuen Datenuhren – nach Samsung wird womöglich Apple 2014 mit einer solchen Neuheit kommen. Auch Brillen mit Zugang zum Internet könnten einen Schritt Richtung Marktreife machen; Google will seine Datenbrille „Glass“ ab Anfang des Jahres verkaufen. Sie steht, so sie funktioniert, für eine Revolution und für einen Quantensprung im Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Das gewaltige Wissen, das im Internet gespeichert ist, wird mit der Brille noch einfacher zugänglich – selbst während einer Hochzeit, wie es Google-Chef Larry Page im Sommer vorführte. Das gilt auch für eine Technik, die vielen noch als Spielerei gilt, aber schon bald tauglich für die Praxis sein dürfte: Drohnen spielen fortan auch im zivilen Leben eine immer wichtigere Rolle. Praktisch alle namhaften Logistiker testen derzeit Minihubschrauber, die Pakete auf kurze Distanzen zustellen sollen. Angesichts der intensiven Entwicklungsarbeit schwirren die fliegenden Boten vielleicht früher als derzeit geplant durch die Städte. Der 3-D-Druck ist bereits im Kommen: Auto-Ersatzteile, Tassen, selbst Lebensmittel lassen sich damit dreidimensional herstellen, ganz ohne aufwendige Fabrik. Für die Industrie bedeutet das ein neues Zeitalter.

Hausse ohne Halt - oder?

Der Dax über 10.000 Punkten? Kein Problem – diese Marke haben viele Aktienstrategen für 2014 schon abgehakt. „Was soll man mit dem Geld machen, wenn Alternativen nichts bringen“, beschreibt Robert Halver, Marktexperte bei der Baader Bank, das Dilemma der Anleger. Kein Wunder: Immer neue Wellen billigen Notenbankgeldes haben die deutschen Aktien bereits in diesem Jahr von Rekord zu Rekord gespült. Um 1400 Punkte hat der Dax seit Jahresbeginn zugelegt. Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat jüngst bekräftigt, die Leitzinsen für eine längere Zeit nicht anzutasten – außer für eine weitere Senkung. Dass die US-Notenbank Fed rasch die Druckerpresse einmottet, ist ebenfalls unwahrscheinlich: Die Lage auf dem Jobmarkt ist so rosig nicht, und die neue Chefin Janet Yellen, die im Februar ihr Amt antritt, gilt als Verfechterin einer laxen Geldpolitik. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass 2014 vom Finanzsektor neue Turbulenzen ausgehen. Das liegt an der Bankenunion: Die EZB will, bevor sie die Aufsicht über die 130 größten Institute Europas übernimmt, deren Bilanzen intensiv durchleuchten. Womöglich ergibt dieser Stresstest bei einigen Häusern große Kapitallücken, vor allem bei Banken in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Ihnen fehlen allein 70 Milliarden Euro, hat eine Studie der Ratingagentur Standard&Poor’s ergeben. Schaffen sie es nicht, sich von Aktionären oder Staaten frisches Geld zu besorgen, fängt das Bankendrama womöglich von Neuem an. Denn der europaweite Fonds, der die Bankenabwicklung regeln soll, nimmt erst 2016 die Arbeit auf – und braucht Jahre, um das nötige Rettungskapital für den Fall der Fälle zusammenzusparen.

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