Aussteiger : „Ich vermisse wenig“

Der Manager John Wood schmiss bei Microsoft hin, um Kindern in Nepal zu helfen. Im Tagesspiegel-Interview erklärt er warum seine Arbeit erfolgreich und er glücklicher ist als zuvor.

John Wood
Ausgestiegen: John Wood verließ Microsoft und ging nach Nepal. -Foto: Murmann-Verlag

Was vermissen Sie aus Ihrem alten Leben?

Die Kreditkarte – ich musste nie auf eine Rechnung schauen, Microsoft hat bezahlt. Das sind die Vorzüge eines Milliardenkonzerns. Heute ist jeder Dollar, den ich ausgebe, ein Dollar, den ich nicht in Büchereien oder Stipendien stecken kann. Ich vermisse wenig. Ich verbringe nicht viel Zeit damit, zurückzuschauen. Ich orientiere mich nach vorne.

Warum interessieren Sie sich nicht dafür, ob Sie ein schönes Haus oder Auto haben?

Das sind nicht die Dinge, die mich glücklich machen. Sogar heute könnte ich mir ein schönes Auto leisten. Ich behalte lieber meinen sieben Jahre alten Audi. Ich fahre ihn, bis er auseinanderfällt. Ich bin nicht auf Status aus. Wenn ich Leute treffe, ist mir wichtig, ob sie etwas zu sagen haben – nicht, ob sie eine tolle Yacht haben. Ich habe nichts gegen solche Leute. Ich wünsche mir nur, dass sie einen Teil ihres Geldes dafür aufwenden, der einen Milliarde Menschen zu helfen, die in totaler Armut leben.

Wovon leben Sie denn – allein von den Aktien aus dem alten Leben?

Der Anfang war gefährlich. Ich habe die ersten vier Jahre von meinen Ersparnissen gelebt und das ehrenamtlich aufgebaut. Als ich Microsoft verließ, hatte ich zwar Geld, aber nicht genug, um nie wieder etwas verdienen zu müssen. Inzwischen kriege ich ein kleines Gehalt. Es entspricht etwa 20 Prozent meines früheren Einkommens. Ich ergänze das mit Honoraren für Reden, Buchtantiemen und Erlösen aus meinen Investments. Ich stückle mir mein Einkommen zusammen. Ich lebe nicht in Armut, aber ich lebe auch nicht das Leben, das ich früher gelebt habe. Es ist irgendwo dazwischen.

Gibt es für „Room to Read“ Grenzen des Wachstums?

Ja, weil wir Wachstum mit Qualität haben wollen. Es gibt zwei Kriterien: Das, was wir tun, muss nachhaltig sein. Wir wollen nicht einfach eine Schule aus einem Hubschrauber abwerfen, sondern wir wollen erreichen, dass sich das Dorf beteiligt. Die Leute müssen sich als Co-Eigentümer fühlen. Trotzdem haben wir letztes Jahr 95 Schulen gebaut, dieses Jahr werden es 155 und nächstes Jahr 200. Letztes Jahr haben wir etwa 1000 Büchereien eröffnet, dieses Jahr werden es 1600. Ich glaube, dass wir in diesem Tempo weiter- machen können. Aber – und das ist das zweite Kriterium – dafür brauchen wir das notwendige Kapital. Es gibt Tausende von Dörfern in Dutzenden von Ländern, die wollen, dass „Room to Read“ kommt, aber wir müssen nein sagen, bis wir die wirtschaftliche Basis haben. Wir machen viel mit wenig Geld. Dieses Jahr können wir 15 Millionen Dollar ausgeben, nächstes Jahr 20 bis 25 Millionen und im übernächsten Jahr vielleicht 50 Millionen.

Wie wichtig ist Deutschland für Sie?

Eine Reihe von Unternehmen in Deutschland und der Schweiz unterstützt uns. Credit Suisse hat uns große Schecks geschrieben, die Deutsche Bank unterstützt uns, allerdings von ihrer Niederlassung in Singapur aus. DHL gibt uns kein Geld, aber schenkt uns die Frachtkosten. Es gibt also durchaus Unterstützung hier, aber es könnte noch viel mehr sein.

Gutes zu tun, ist angesagt. Hollywood- Schauspieler und Pop-Stars übertrumpfen sich gegenseitig. Was halten Sie davon?

Es muss etwas dabei herauskommen, und es muss Rechenschaft abgelegt werden. Ungefähr 60 Prozent unserer Spenden kommen von Geschäftsleuten, 20 Prozent kommen von Unternehmen. Ein Grund dafür ist, dass die Leute exakt wissen, wie viele Büchereien und Schulen wir gebaut haben. Wir aktualisieren diese Angaben vierteljährlich. Damit verhalten wir uns genauso wie ein börsennotiertes Unternehmen. Was die Schauspieler angeht, frage ich immer, was sie genau tun. Angelina Jolie und Brad Pitt bauen Schulen in Kambodscha, ohne darüber groß zu reden, und wir richten die Büchereien in diesen Schulen ein. Die beiden tun etwas, die reden nicht nur. Bei Microsoft hatten wir die Abkürzung GSD dafür: Get shit done! (etwa: Erledige den Scheiß)

Das Interview führte Moritz Döbler

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