Wirtschaft : Ausverkauf am Neuen Markt

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Berlin (mot/uwe). An den Börsen geht die Angst um: Große Anleger wie Versicherungen und Fonds sowie private Aktiensparer fürchten täglich neue Hiobsbotschaften aus den Unternehmen. Am Mittwoch trennten sie sich aus Sorge vor weiteren Bilanztricks und einer anhaltenden Konjunkturflaute vor allem von Technologiewerten und Aktien am Neuen Markt. Der Nemax 50 gab zeitweise um mehr als acht Prozent nach. Zuletzt stand er bei 531 Punkten (minus 5,4 Prozent). Auch der Dax verlor deutlich. Unterdessen wächst die Kritik am Verhalten vieler Vorstände.

Besonders hart traf es die Aktionäre des Biotech-Unternehmens Qiagen – ein lange Zeit als Qualitätstitel des Neuen Marktes gehandeltes Unternehmen. Die Aktie verlor mehr als 30 Prozent, nachdem Qiagen seine Umsatz- und Gewinnprognosen für 2002 und 2003 überraschend gesenkt hatte. Das Unternehmen leidet vor allem unter der Investitionszurückhaltung der US-Pharmaindustrie. Auch der Kurs des Chiphändlers CE Consumer Electronic brach um knapp elf Prozent ein. Konzernchef Erich Lejeune hatte auf der Hauptversammlung angekündigt, CE habe einen millionenschweren Wertberichtigungsbedarf und rechne nach einem schwachen zweiten Quartal in diesem Jahr statt mit Gewinn mit einem hohen Verlust.

Der amerikanische Halbleiterkonzern AMD dämpfte am Mittwoch die Aussichten für den PC- und Chipsektor: Der Umsatz werde anders als erwartet im zweiten Quartal nicht bei bis zu 700 Millionen, sondern nur bei 600 Millionen Dollar liegen.

„Angesichts der riesigen Aktienumsätze und der großen Schwankungen stehen wir am Ende des Ausverkaufs“, sagte der Chef der Fiduka Depotverwaltung und langjährige Partner des Börsenfachmanns André Kostolany dem Tagesspiegel. Die Depression habe aber noch nicht den gesamten Markt erfasst, sondern zuerst die Neuer-Markt- und Technologie-Werte. „Der Bilanz-Betrug findet bisher nur in der ehemaligen New Economy statt“, so Heller. „Das sind noch die Sünden aus der Vergangenheit.“ Während des Aufschwungs hätten die „Geldmaschine Wall Street“ und die „lächerliche Quartalsberichterstattung“ nach US-Bilanzrecht „Mauscheleien“ erlaubt. Dies komme nun ans Tageslicht und bringe die Kurse zum Absturz. Doch Heller sieht Anzeichen einer Erholung: „Im Moment diktiert zu 90 Prozent die Psychologie das Geschehen – am Ende des Abschwungs sind die Börsen immer irrational.“

Mit Blick auf den Neuen Markt teilen viele Kapitalmarktanalysten diesen Optimismus allerdings nicht. „Wir haben den Neuen Markt abgeschrieben“, sagte Wiebke Hagen von der Hamburger Conrad Hinrich Donner Bank, einer Tochter der Signal Iduna Gruppe, die ein Anlagevolumen von 30 Milliarden Euro betreut. „Nach der Vielzahl von Pleiten und Betrügereien wäre es unseriös, den Neuen Markt noch als Ganzes zu betrachten.“ Insgesamt sei die Aktienquote im Portfolio des Versicherers Signal Iduna auf einen einstelligen Prozentsatz gesunken.

Norbert Kretlow, Analyst bei Independent Research, glaubt, dass Vorsicht weiter angebracht ist: „Der Kapitalmarkt muss nach der Mega-Hausse erst einmal aufgeräumt werden.“ Anleger sollten sich auf magere Jahre einstellen. „In den kommenden zehn Jahren wird es mit jährlichen Kursgewinnen von zehn bis zwölf Prozent vorbei sein.“

Angesichts der massiven Vertrauenskrise an den Weltbörsen rief der Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme, zu Mäßigung bei den Managergehältern auf. Cromme sagte bei der ersten Corporate-Governance-Konferenz in Berlin: „Gier ist weder eine Managerkompetenz noch eine ethisch verantwortliche Maxime unternehmerischen Handelns." Leistungsbezogene Vergütungen und Aktienoptionen als Gehaltsbestandteile dürften nicht so gestaltet sein, dass für die Vorstände auf jeden Fall ein Gewinn dabei herauskäme, egal wie es dem Unternehmen gehe. Cromme sagte, es sei verständlich, dass der Ärger der Aktionäre wachse. „Das System wird pervertiert, wenn die Vorstände immer nur gewinnen können, während die Aktionäre leiden." Cromme, der auch Leiter der von der Bundesjustizministerin berufenen Corporate-Governance-Kommission ist, forderte die europäischen Vorstände auf, ihre Gehälter zu veröffentlichen. Die Aktionäre als Eigentümer der Unternehmen hätten ein Recht darauf, zu erfahren, wie viel die von ihnen angestellten Manager verdienten.

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