Auszeit vom Job : Entwicklungshelfer 30+

Auch Berufstätige über 30 können als Freiwillige ins Ausland gehen. Sie sollten sechs Wochen Zeit einplanen und neugierig sein auf Land und Leute.

Julia Naue
Ehrenamtlich in der Ukraine. Heidi von Lilienfeld (rechts) hat als Freiwillige bei einem Verlag gearbeitet.
Ehrenamtlich in der Ukraine. Heidi von Lilienfeld (rechts) hat als Freiwillige bei einem Verlag gearbeitet.Foto: Heidi von Lilienfeld/dpa-tmn

Ein Schulgarten sollte es sein. Klingt erstmal nicht so schwierig. In Deutschland vielleicht, wo das Wetter mitspielt. In Namibia dagegen ist es trocken und heiß. Ralf Schaab ist Agrarökonom aus Wiesbaden, führt dort einen Obstbaubetrieb. In Namibia hat er Lehrern und Schülern dabei geholfen, den Schulgarten zu bauen. Mit einfachen Mitteln vor Ort produzieren, die Eigenversorgung stärken – das war das Ziel.

Schaab war im Rahmen des „Weltdienstes 30+“ in Namibia. Der neue Freiwilligendienst des Senior Experten Service (SES) wird vom Bundesentwicklungsministerium gefördert und soll eine Lücke schließen. „Es gibt Entsendedienste wie Weltwärts für junge Leute und für Ältere und Ruheständler nun den Weltdienst 30+“, sagt Bettina Hartmann vom SES. Der Dienst wurde Anfang 2017 ins Leben gerufen. Er richtet sich an Berufstätige, die ihr Fachwissen in Entwicklungs- und Schwellenländern weitergeben wollen.

Viele Entsendedienste sprechen jüngere Menschen an, häufig gibt es eine Altersgrenze von 30 Jahren. Ein gefördertes Programm für Berufstätige zu finden, ist schwieriger. Mit Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen ist ein solcher freiwilliger Einsatz zum Beispiel möglich – und das nicht nur für Mediziner. Es gibt außerdem Vereine und Unternehmen, die Projektmitarbeit im Ausland vermitteln oder organisieren, in der Regel muss man dafür allerdings zahlen.

Der Weltdienst 30+ ist hingegen kostenfrei, Teilnehmer müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Mindestens acht Jahre relevante Berufserfahrung, eine Freistellung des Arbeitgebers und Kranken- und Sozialversicherung in Deutschland etwa sind Pflicht. „Wir nehmen die Person dann in unsere Datenbank auf und gleichen ab, ob es eine Deckung mit einem Projekt gibt“, erklärt Hartmann. Für 2017 plant der SES für den Weltdienst 30+ rund 70 Einsätze, bis Mitte Mai hatten sich circa 90 Personen angemeldet. Die Einsätze dauern im Schnitt sechs Wochen, Arbeitnehmer müssen sich unbezahlt freistellen lassen.

Unterkunft und Flug sind frei

Neben einem Vorbereitungsseminar in Bonn werden Teilnehmer bei der Organisation eines Visums unterstützt, auch die Unterkunft im Zielland und der Flug werden gestellt. Im Ausland unterstützen Teilnehmer dann etwa kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Verwaltungen oder soziale und medizinische Einrichtungen.

Ein solches Sabbatical kann sich durchaus lohnen, ganz besonders, wenn Berufstätige während dieser Zeit eben nicht nur reisen, sondern ihre beruflichen Fähigkeiten im Ausland einsetzen. „Es bereichert das Wissen des Mitarbeiters“, sagt Christa Stienen, Vizepräsidentin des Bundesverbands der Personalmanager. Da es nicht in allen Unternehmen die Möglichkeit gebe, im Ausland zu arbeiten, sei ein externer Auslandsaufenthalt eine gute Alternative. „Neue Ideen, ein Perspektivenwechsel – all das kommt dem Mitarbeiter und dem Unternehmen zu Gute.“

Die Expertin rät, ein solches Sabbatical rechtzeitig anzukündigen, am besten sei das ein Jahr im Voraus. „Man kann bereits in den jährlichen Entwicklungsgesprächen sein Interesse bekunden“, sagt Stienen. Ein bis drei Monate Auszeit seien in der Regel gut machbar. Wer in einem internationalen Unternehmen arbeitet, kann sich dort auch über zeitlich begrenzte Auslandsprojekte informieren, wenn es nicht gleich der dauerhafte Umzug ins Ausland sein soll.

Für Agrarökonom Schaab ging es bei seinen Einsätzen immer auch darum, ein Gespür für Land und Leute zu bekommen. Das Vermitteln der fachlichen Expertise sei das eine, das Menschliche das andere. Namibia war dabei nur eine seiner Stationen, in Malawi hat er einen Kräutergarten mitgestaltet. „Wenn Sie das Herz der Menschen erobern, bekommen Sie auch Zugriff auf den Kopf“, sagt er. Und: Das Ganze sei Teamwork. „Ich komme hier nicht als Deutscher und erzähle den Leuten, was sie zu machen haben“, betont er. Man müsse die Menschen abholen, wo sie sind und wertschätzen.

Auch die Mittelalten kommen jetzt zum Zug

Ähnlich sieht das Heidi von Lilienfeld. Wie Schaab ist auch sie ein alter Hase beim SES. Bereits bevor es das Programm Weltwärts 30+ gab, haben beide Auslandseinsätze über den SES gemacht – und zwar immer dann, wenn ein Projekt nicht mit einem Senior besetzt werden konnte. Von Lilienfeld hatte ihren ersten Einsatz mit 47 Jahren. Die heute 52-Jährige ist im Verlagswesen tätig und hat etwa in Bolivien und der Ukraine in Druckereien und Verlagen mitgearbeitet.

„Ich fühlte mich immer mit offenen Armen willkommen“, sagt sie. Marketing, Umstrukturierungen, Kundenakquise, neue Geschäftsfelder finden – so hat von Lilienfeld die Unternehmen im Ausland unterstützt. In den Auszeiten wollte sie sich selbst auf die Probe stellen und sich auf völlig verschiedene Situationen und Kulturen einlassen. „Toll“ sei es immer gewesen. „Die Menschen vor Ort saugen dich aus wie einen Schwamm“, sagt sie über die Zusammenarbeit.

Schaab und von Lilienfeld hatten einen entscheidenden Vorteil bei der Organisation ihrer Einsätze: Beide sind selbstständig und mussten keinen Vorgesetzten von ihren Plänen überzeugen.

Beide appellieren an Arbeitgeber, ihren Mitarbeitern eine solche Auszeit zu ermöglichen. „Für große Unternehmen ist es nichts, mal einen Mitarbeiter für zwei Monate freizustellen“, sagt von Lilienfeld. „Aber dieser Reichtum, mit dem man wiederkommt, der ist toll.“ dpa

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