Autio : Lächeln in der Kurve

Keine drei Sekunden von 0 auf 100, fast 300 Sachen Spitze – und trotzdem ist die Neue brav. Zu brav?

Sabine Beikler

Portimao - Es gibt zwei Arten, einen Supersportler zu testen. Man geht auf die Rennstrecke, fährt Kurven bis zur extremen Schräglage, beschleunigt auf der Geraden auf über 200. Das macht Laune – auf der Rennstrecke in Portimao steigen die Fahrer mit breitem Grinsen von der neuen S 1000 RR. Oder man fährt mit der Maschine ins portugiesische Hinterland, probiert Straßen mit verschiedenen Belägen aus, lässt sich von Kurven überraschen. So viel sei gleich gesagt: Auch das zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht.

Es reicht ein minimaler Zug am Gashebel: Die 2,9 Sekunden von 0 auf 100 sind so schnell vorbei wie ein Lufthauch; so schnell, dass man fast automatisch weiter Gas geben will, immer weiter. Da geht doch noch was. Ohne Mühe lässt sich die S 1000 RR in die Kurve legen, sie reagiert sofort auf leichte Lenkimpulse. Auch die schnittigere Hang-Off-Kurventechnik – der Po wird von der Sitzbank wegbewegt, um den Schwerpunkt zu verlagern – funktioniert ohne wildes Zappeln. Selbst bei Schräglagen auf unebenem Belag bleibt die Maschine brav und wird nicht übermütig. Ungeübte Fahrer brauchen nicht mal Angst vor nicht einsehbaren Kurven haben: Die S 1000 RR ist der einzige Supersportler, der in der Kombination Race-ABS und Traktionskontrolle größtmögliche Sicherheit bietet. Ducati hat Traktionskontrolle, aber (noch) kein ABS, Honda dagegen ABS, aber (noch) keine Traktionskontrolle.

Eine fünf Jahre alte Honda Fireblade (ohne ABS!) ist im Gegensatz zur BMW ruppiger, kerniger, kompromissloser. Da driftet schon mal das Hinterrad weg. Auch können Fahrsettings nicht wie bei der BMW eingestellt werden. An den Wunsch, Motorrad pur fahren zu wollen, haben die BMW-Ingenieure indes auch gedacht. Mit Tastendruck lassen sich „Rain“ für nasse Fahrbahn, „Sport“ für die normale Straße, „Race“ für Rennstrecke oder „Slick“ für Rennstrecke mit Slicks einstellen. Während sich bei „Slick“ trefflich driften lässt, wird bei „Rain“ die Leistung von 193 auf 150 PS gedrosselt (das reicht trotzdem für Tempo 250). Und die Beschleunigung auf der Geraden ist gigantisch, man hat das Gefühl wie bei einem Flugzeugstart: Irgendwann muss die Maschine doch abheben. In sechs Sekunden ist man von 0 auf 200, ein paar Sekunden später hat man fast die 300-Schallgrenze erreicht: Die S 1000 RR wird abgeriegelt bei exakt 299 Sachen, wenn der Zustand der Schwerelosigkeit vollständig erreicht ist.

Motorradfahren soll Spaß machen, und Spaß macht die S 1000 RR auf jeden Fall. Vielleicht ist sie fast zu perfekt. In jedem Fall muss die Annäherung respektvoll verlaufen. Vollgetankt mit Race-ABS wiegt sie 206,5 Kilogramm und ist damit der weltweit leichteste Supersportler mit Vierzylinder-Reihenmotor in der 1000- Kubik-Klasse. Also: Respekt statt Übermut – und lächeln. Sabine Beikler

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