Autobahnen : Stau am Bau

Zur Ferienzeit wird auf den deutschen Autobahnen so viel gearbeitet wie lange nicht. Warum ausgerechnet jetzt?

von
Stauschau. Alle aktuellen deutschen Baustellen aneinandergereiht sind so lang wie die Strecke Berlin-Rom.
Stauschau. Alle aktuellen deutschen Baustellen aneinandergereiht sind so lang wie die Strecke Berlin-Rom.Foto: dpa

Der Sommer war gut, auf Sylt, im Allgäu, in der Toskana, an den Stränden Kroatiens. Jetzt geht der Urlaub für Millionen Deutsche allmählich zu Ende, die Rückreisewelle beginnt. Das bedeutet: Übervolle Autobahnen, Staus, zäh fließender Verkehr, Dutzende Unfälle. Und die Frage: Warum gibt es ausgerechnet jetzt so viele Baustellen auf den Autobahnen? Und warum regt sich vielerorts offensichtlich wenig bis gar nichts?

Auf 1403 Autobahn-Kilometern sind nach Angaben des Auto-Clubs Europa derzeit Baustellen eingerichtet – „rechtzeitig zur Ferienzeit“, wie Sprecher Rainer Hillgärtner spitz anfügt. Das entspricht der Strecke Berlin-Rom. Insgesamt 410 Mal müssen die Autofahrer das Tempo drosseln und darauf achten, dass sie auf den verengten Fahrspuren nicht den Nebenmann touchieren – oder gar den Gegenverkehr. Eine gefährliche Angelegenheit: Das Unfallrisiko verdoppelt sich in Baustellen. Zudem sind sie regelrechte Nadelöhre. 350 000 Stau-Kilometer zählte 2009 der Autoklub ADAC, ein Drittel davon ist baustellenbedingt.

Das fast 13 000 Kilometer lange Autobahnnetz ist das Rückgrat der Wirtschaft. 90 Prozent des Personenverkehrs und 65 Prozent des Gütertransports finden hier statt. Seit Jahren steigt die Zahl der Autos, die der Lastwagen noch stärker. Nur während der Krise gab es einen Rückgang um 15 Prozent, aber der dürfte schon bald aufgeholt sein. Längst ist die Autobahn zum Warenlager für die Wirtschaft geworden. Jeder Kilometer Stau verursacht durch Arbeitsausfall, Spritverschwendung und Umweltschäden immense volkswirtschaftliche Kosten – Experten taxieren sie auf 37 Milliarden Euro im Jahr.

Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) weiß um das Erregungspotenzial durch Straßenarbeiten. „So schnell wie möglich“ sollen die Baustellen verschwinden, fordert er. Die Länder, die die Schnellstraßen in seinem Auftrag verwalten, hat er „dringendst aufgefordert“, zügiger zu bauen. „Das heißt, gerade in der hellen Jahreszeit von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang, und zwar im Zwei-Schichten-Betrieb.“ Auch am Wochenende müssten die Arbeiter ran.

Dabei waren es Ramsauer und die Seinen, die den Bauboom erst ausgelöst haben. Die Milliarden aus den Konjunkturpaketen werden auch auf den Autobahnen verbaut. Hinzu kommen Wetterkapriolen: Erst sprengte der Winter Risse in die Fahrbahnen, jetzt sorgt die Hitze dafür, dass Betonplatten mitunter bis zu 30 Zentimeter angehoben werden oder der Asphalt Blasen wirft. Und in den neuen Ländern zerfrisst Kieselsäure die eben erst sanierten Straßen – die A13 nach Dresden oder die A115 zum Dreieck Nuthetal leiden unter „Betonkrebs“.

Der Trend bei Langfrist-Baustellen geht daher nach oben: Im gesamten Jahr 2003 waren es bundesweit 450, bis vergangenen Freitag in diesem Jahr schon 697.

Und doch verursacht der Staat den Stau, findet die Auto-Lobby. Im Schnitt werde nur 55 Stunden pro Woche an den Baustellen gearbeitet, nicht 80, wie es das Tageslicht zwischen April und Oktober sowie eine Sechs-Tage-Woche ermöglichten, hat der ADAC ausgerechnet. Nur an jeder zwanzigsten Baustelle wird derzeit in drei Schichten gearbeitet. Weil es zu gefährlich für das Personal ist, warnen die Baufirmen. „Stimmt nicht“, sagt Dirk Kemper von der RWTH Aachen. In einer Studie schreibt er, dass nachts an Baustellen sogar weniger Unfälle passieren. Dass die Baubranche bremse, liege an ihrer Struktur – vor allem Mittelständler hätten nicht das nötige Personal für Arbeitsbetrieb rund um die Uhr, sagt Kemper. „Die können sich einen so großen Stamm an Leuten nicht leisten, schließlich müssen die auch bezahlt werden, wenn die Auftragsbücher nicht ganz gefüllt sind.“

Das könnten die Länder, die die Bauaufträge vergeben, verhindern – bei der Auswahl der Firmen. „Bei den Ausschreibungen muss der Staat verlangen, dass in zwei oder drei Schichten gearbeitet wird“, fordert ADAC-Vizechef Ulrich Klaus Becker. „Das wird zwar zunächst teurer, für die Volkswirtschaft zahlt es sich aber aus, da es durch schnellere Arbeit weniger Staus und Unfälle gibt.“ Bayern etwa berücksichtigt bei der Vergabe auch, wie flott die Firmen bauen. Wer über Plan liegt, wird belohnt. Ergebnis: Die Erneuerung der A9 bei Bayreuth dauerte nur 36 statt wie geplant 41 Tage, die Baufirma strich je gespartem Tag 13 000 Euro Bonus ein.

Zwar hat sich die Zahl der Baustellen, auf denen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gearbeitet wird, in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt – Insider bezweifeln aber, dass die Länder ausreichend kontrollieren, ob sich die Firmen an diese Vorschrift auch halten.

Dass es Spielräume für kürzere Bauzeiten gibt, zeigen die Autobahn-Teilstücke, die in privater Regie gebaut werden. Für jeden Lkw, der Sand und Kies herankarrt, gibt es genaue Zeitpläne, keine der teuren Maschinen soll unnütz herumstehen. So halbiert sich oft die Bauzeit, das rechnet sich auch für die Firmen.

Derlei Effizienz ist gegen die Belange der Tierwelt machtlos. Mehr als 30 Grünbrücken, auf der Hirsch und Hase gefahrlos die Straßen überqueren sollen, gibt es bundesweit, 18 sollen demnächst hinzukommen. Bevor die Tiere marschieren können, müssen erst die Bagger anrücken – neue Staus sind gewiss. mit Ste.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben