Wirtschaft : Autobauern in China droht der Crash

Experten fürchten Aufbau von Überkapazitäten / Daimler-Chrysler fährt der Konkurrenz in Asien hinterher

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Berlin (msh). Die deutschen Autobauer DaimlerChrysler und Volkswagen haben beim Besuch des chinesischen Premierministers Wen Jiabao in Deutschland wichtige Verträge für neue Fabriken in China unterzeichnet. Nachdem Volkswagen am Sonntag den Bau eines Werks mit einer Kapazität von 150 000 Autos ankündigte, zog Daimler-Chrysler am Montag nach. Der Konzern wird ab 2006 rund 25 000 Autos der C- und E-Klasse in Peking montieren. Wirtschaftsexperten fürchten inzwischen, dass die Autohersteller den Markt überschätzen und ein Einbruch der überhitzten chinesischen Wirtschaft die Investitionen gefährden könnten.

Im ersten Quartal 2003 war die chinesische Wirtschaft um 9,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Weltweit waren im vergangenen Jahr als Folge der starken Nachfrage aus China die Preise für Rohstoffe wie Erdöl, Kokskohle oder Kupfer in die Höhe geschossen. „Dieser Boom kann nicht so weitergehen“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Leiter der Abteilung Internationale Konjunktur am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Besonders im Immobiliensektor seien die Preise explodiert. Nach Jahren mit sehr geringer Preissteigerung liege die Inflationsrate inzwischen bei fast drei Prozent. Zudem sitzen die Banken auf Milliarden fauler Kredite.

„Die Regierung hat die Gefahr eines Crashs erkannt, aber die Maßnahmen greifen noch nicht“, sagt Gern. Um die laxe Kreditvergabe der Banken einzudämmen, hatte die Regierung eine Kreditsperre verhängt und die Geldversorgung verteuert. Ein besonders rasantes Wachstum verzeichnete die Volksrepublik im Automobilsektor, seit das Land mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2002 seinen Markt stärker für ausländische Hersteller öffnete. Im vergangenen Jahr wurden in China fast zwei Millionen Autos verkauft, rund 60 Prozent mehr als im Jahr davor. Im ersten Quartal 2004 stieg der Autoabsatz erneut um 44 Prozent. „Die Hersteller sollten sich klar sein, dass die Gefahr einer Rezession besteht“, sagt Gern.

Nachzügler Daimler-Chrysler

Sämtliche großen Autohersteller sind inzwischen mit eigenen Fabriken in China präsent. Volkswagen hatte am Sonntag angekündigt, eine weitere Fabrik bei Schanghai zu bauen. Bis zum Jahr 2008 will VW seine Kapazität in China auf 1,6 Millionen Autos jährlich steigern. „Es besteht die Gefahr, dass die Autobauer den Markt überschätzen“, sagt Detlef Böhle, Asienexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Die neue Mittelschicht wachse nur sehr langsam. Nach wie vor seien von den 1,2 Milliarden Chinesen „nur“ rund 200 Millionen in der Lage, sich in den kommenden Jahren ein Auto zu kaufen.

Trotzdem müssten die deutschen Autohersteller jetzt ihre Marktposition verteidigen, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) ging der Marktanteil der deutschen Hersteller 2003 von 43 Prozent auf 36 Prozent zurück. „Der Wettbewerb wird härter“, sagte VDA-Präsident Bernd Gottschalk dem Tagesspiegel. Die deutschen Autobauer lägen aber weiter deutlich vor allen anderen ausländischen Anbietern. Im vergangenen Jahr konnten sie mit 700 000 Fahrzeugen 50 Prozent mehr absetzen als 2002. „Der Bedarf in China bleibt hoch, zumal weitsichtig in die Infrastruktur investiert wird. Überall im Land werden Straßen gebaut“, sagte Gottschalk.

Als Nachzügler auf dem chinesischen Markt gilt Daimler-Chrysler. Im vergangenen Jahr konnte der Konzern lediglich 12 000 Autos der Marke Mercedes in China und Hong Kong absetzen. „Konkurrenten wie Volkswagen, Toyota oder General Motors sind Mercedes um mindestens drei Jahre voraus“, sagt Automobilexperte Dudenhöffer. „Der Markt ist bereits weitgehend verteilt.“ Eine vernünftige Strategie für den „größten Wachstumsmarkt der Welt ist nicht zu erkennen“. Daimler-Chrysler wird gemeinsam mit seinem chinesischen Partner Bejing Automotive Industry Holding Corporation (BAIC) rund eine Milliarde Euro investieren. Geplant ist ein neues Montagewerk und die Zusammenlegung der Aktivitäten von Mercedes und Chryslers Geländewagenmarke „Jeep“.

Für Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp ist die Genehmigung ein wichtiger Etappensieg: Er brauchte eine raschen Erfolg in China, um wenigstens den letzten Rest seiner Asienstrategie zu retten. Denn bei der krisengeschüttelten Beteiligung Mitsubishi Motors aus Japan befinden sich die Stuttgarter auf dem Rückzug, und die Beziehungen zum koreanischen Allianzpartner Hyundai stecken in einer tiefen Krise. Über die Mercedes-Pläne in China war es zum Bruch mit Hyundai gekommen. Die Koreaner hatten unlängst angekündigt, die Zusammenarbeit mit Daimler-Chrysler deutlich herunterfahren zu wollen. Nach Informationen aus Branchenkreisen will sich Schrempp im Gegenzug von der 10,5-Prozent-Beteiligung an Hyundai trennen.

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