Autobiografie : Schell: Im richtigen Moment zur Kur

Längst wurde ein anderer zum Gewerkschaftschef gewählt, doch Manfred Schell hat Geschichte geschrieben. In seiner Autobiografie "Die Lok zieht die Bahn" erzählt er, wie er die Bahn bezwang.

Carsten BrönstrupD

Berlin - Nein, ein Gewerkschaftsführer taugt in diesen Zeiten nicht zur historischen Figur mit beständigem Ruhm. Oder kann sich noch jemand an die Arbeiterführer Herbert Mai (ÖTV) erinnern, an Klaus Zwickel (IG Metall) oder an Dieter Schulte (DGB)? Bei Manfred Schell ist das anders. Über Monate bestreikte er mit seiner Lokführergewerkschaft GDL immer wieder die Deutsche Bahn – und triumphierte am Ende. Das war 2007. Jetzt ist Schell ein Prominenter, er war im Fernsehen, sogar der Milchbauernverband ließ sich von dem 66-Jährigen erklären, wie man Gruppeninteressen wirkungsvoll durchsetzt.

Höchste Zeit für ihn also, das Erlebte zu verarbeiten. „Die Lok zieht die Bahn“, heißt Schells Autobiografie, die dieser Tage erscheint. Längst wurde ein anderer zum Gewerkschaftschef gewählt, doch Schell hat Geschichte geschrieben. Nicht nur, weil er unglaubliche elf Prozent mehr Lohn und einen eigenen Tarifvertrag für seine Leute herausgeholt hat. Sondern vor allem, weil er das mächtige Staatsunternehmen in die Knie gezwungen hat. Daran waren vor ihm schon Dutzende Fahrgastverbände, Topmanager, Abgeordnete und selbst Minister gescheitert. Und das, obwohl er auf dem Höhepunkt des Konflikts in Kur ging – ein Vorgehen, das die einen extrem lässig, die anderen extrem fahrlässig finden.

Wie hat er das nur gemacht? Das ist die Kernfrage der 256 Seiten aus Schells Feder. Ein echtes Erfolgsgeheimnis hat dieser Mann aber nicht. Schell hat gewonnen, weil er keine faulen Kompromisse eingegangen ist. Er hat einfach die Macht ausgespielt, die seine Organisation besitzt, weil sie am Schalthebel der Mobilität sitzt. Die GDL musste ihr Erpressungspotenzial nutzen, sonst wäre sie wohl über kurz oder lang von den größeren Gewerkschaften geschluckt worden.

Über den Menschen Manfred Schell erfährt man derweil nicht allzu viel in diesem Buch. Dass er Pfeife raucht, schnelle Autos mag, mal für die CDU im Bundestag saß, war bekannt. Jetzt weiß man außerdem, dass die Kindheit im Nachkriegsdeutschland nicht immer leicht war, er viel arbeiten musste, ein Freund des Karnevals und vor allem ein ganz pfiffiges Kerlchen ist, das sich stets durchzusetzen wusste und nicht wenigen prominenten Politikern die Hand geschüttelt hat. Dabei ist sich Schell für keine Banalität zu schade. Einen Streit um die Sitzordnung im Personalrat breitet er ebenso aus wie Unmut über das dürftige Parkplatzangebot am Berliner Hauptbahnhof.

Gleichwohl hat das Buch zwei Stärken. Zum einen gewährt Schell eine erschreckende Innenansicht der Gewerkschaftsbewegung, mit zahllosen Ränkespielen und Repressalien. Zum anderen ruft er den spektakulären Arbeitskampf 2007 ins Gedächtnis: die Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn, die Streiktage, die Gerichtsverhandlungen und nicht zuletzt den Kampf mit Worten. Die GDL „terrorisiere“ das Land, betreibe „Wahnsinn“, befand die Bahn seinerzeit. Schell und seine Leute konterten, der Bahn-Vorstand bestehe aus „Außerirdischen“, Personalchefin Margret Suckale sei die „Super-Nanny“ und Vorstandschef Hartmut Mehdorn ein „Rumpelstilzchen“. Eine Einigung gab es erst auf Druck der Politik.

Natürlich lässt sich Schell die Gelegenheit zum Mehdorn-Bashing nicht entgehen. Die Manager an der Spitze hätten keine Ahnung mehr von der Basis und starrten nur auf ihre Zahlen. Die Züge müssten pünktlich sein statt schnell, und die Bahn habe zu viele Jobs gestrichen. Die Privatisierung der Bahn ist daher Teufelszeug für Schell. Dieses Urteil offenbart freilich ein großes Maß an Chuzpe. Wäre die Bahn nicht in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, Schell und seine Truppe hätten niemals ihre Forderungen durchpauken können – ein Streik als Bahn-Beamte wäre ihnen schließlich verboten gewesen. Carsten Brönstrup

Manfred Schell, Die Lok zieht die Bahn, Rotbuch Verlag, 256 Seiten, 19,90 Euro

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