Autobranche : Rundum verunsichert

Trotz Rabatten: Auch in Berlin kauft kaum noch jemand Autos. Immer mehr Händler geraten dadurch in Existenznot.

H. Mortsiefer A. Frese
Jeep
Ladenhüter. Besonders für Fahrzeuge mit hohem Spritverbrauch finden sich kaum noch Käufer. -Foto: Uwe Steinert

Berlin - Mit einem echten Preishammer wollte Stefan Quary zögerliche Autokäufer aus der Reserve locken. „Wir haben ein Auto ins Internet gestellt, das unverhältnismäßig preiswert war. Ein richtiges Schnäppchen“, sagt der Geschäftsführer der Dürkop-Gruppe, einer der größten Autohändler Deutschlands. Quary wollte die Reaktion der Kundschaft testen. Doch es passierte gar nichts. „Der Preis für ein Auto ist nicht mehr alles“, sagt Quary. Die Verbraucher seien rundum verunsichert – wegen der Finanzkrise, der Klimadebatte und der Rezession. „Niemand will mehr ein Wagnis eingehen“, sagt der Dürkop-Chef, der in Berlin drei Autohäuser mit 250 Mitarbeitern unterhält. 2008 hat der Mehrmarkenhändler (u. a. Opel, Fiat, Kia), hinter dem die Nürnberger Versicherung steht, in Berlin 2600 Neu- und Gebrauchtwagen verkauft. Bundesweit betreibt Dürkop 18 Häuser.

Der Automarkt in der Hauptstadt ist dicht besetzt, im Internet sind 400 Autohändler aufgelistet. „In den Ballungsräumen haben wir schon seit Jahren Kriegszustände“, sagt der Chef eines Autohauses, der anonym bleiben möchte. Die Einschätzung klingt martialisch, aber so ist wohl die Sprache der Verkäufer. Nach dem „Mehrwertsteuerjahr 2007 und dem Scheißjahr 2008 kommt nun das finale Ende für manche Händler“.

Jedes Jahr geben rund 1000 Händler bundesweit auf. Der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK) zählt 40 000 mittelständische Autohäuser und Werkstätten, bei denen 470 000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Für 2009 sagen Experten eine bisher nicht dagewesene Pleitewelle voraus. Der Verband sorgt sich um 30 000 Arbeitsplätze. Vor allem die Freien, die nicht an eine Marke und den entsprechenden Konzern angebunden sind, dürften Probleme bekommen. „Es wird die klassischen Mittelständler treffen, die 400 bis 600 Neuwagen plus gebrauchte im Jahr absetzen“, glaubt Dürkop-Chef Quary.

Doch auch die Großen der Branche spüren den Druck, der in den vergangenen Wochen massiv zugenommen hat. „November und Dezember haben an uns gezehrt“, sagt Burkhard Weller, Geschäftsführer der Weller-Gruppe, des größten Toyota-Händlers Deutschlands, der in Berlin das größte Toyota-Haus Europas betreibt. Der dramatische Absatzeinbruch trifft alle. „Wenn wir 2009 nicht mit neun neuen Modellen oder Facelifts auf den Markt kämen, wäre das eine Katastrophe“, sagt Weller. Die Gruppe hat 2008 bundesweit 42 500 Autos abgesetzt – gut 2700 Neu- und Gebrauchtwagen in Berlin. In der Hauptstadt war das Geschäft schwierig: der Umsatz (147 Millionen Euro) sank um fünf Prozent, der Neuwagenabsatz um acht Prozent. Deutschlandweit steigerte Weller dagegen die Erlöse um 4,2 Prozent auf 830 Millionen Euro.

Die Finanzen bereiten den Händlern mindestens so große Schwierigkeiten wie der magere Absatz. „Umsatz und Erträge sind schon unter Druck. Wer jetzt auch noch ein geringes Eigenkapital hat, fliegt aus der Kurve“, sagt der Chef eines Berliner Autohauses. Auch deshalb, „weil die Banken nervös werden und kaum noch Geld geben“. Komfortable Kreditlinien aber sind für die Händler lebenswichtig: der Fuhrpark (Vorführwagen, Tageszulassungen) muss finanziert werden, für Leasingfahrzeuge, die beim Lieferanten schon bezahlt wurden, fließen die Einnahmen zeitversetzt. Sinkende Restwerte geleaster Fahrzeuge, die sich auch noch schlecht verkaufen, lasten zusätzlich auf den Bilanzen.

Dürkop-Chef Quary schätzt, dass von den 2008 knapp 3,1 Millionen neu zugelassenen Fahrzeugen „zehn bis 15 Prozent noch auf den Verkaufshöfen der Händler stehen“. In Berlin wurden letztes Jahr 77 000 Fahrzeuge neu zugelassen.

Im Kampf um die Kunden arbeiten die Händler mit enormen Rabatten – auch wenn sie dies im Gespräch nur selten zugeben. Nach Angaben des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, der die wichtigsten Rabattaktionen regelmäßig zusammenträgt, wird etwa der neue Opel Corsa „Selection 110“ mit einem Abschlag von knapp 24 Prozent verkauft. Zum Listenpreis ergibt sich damit ein Preisvorteil von 2781 Euro. „In der Summe zeigt sich, dass die Anzahl der Aktionen der Autohersteller im Januar steigt und auch das Rabattniveau sich im Januar nach oben bewegt“, sagt Dudenhöffer.

Ein beliebtes Vertriebsinstrument sind auch Tageszulassungen. Rund ein Viertel aller Zulassungen in Berlin kämen so zustande, sagt ein Händler. Verkauft würden die Neuwagen dann gewissermaßen als gebrauchte, also mit gehörigen Abschlägen. Ein Ziel des Preiswettbewerbs: Jeder Händler will mit möglichst günstigen Angeboten ganz oben auf den Autoseiten im Internet landen. Das kostet Geld. Vor allem der freie Handel werde 2009 „richtig einen vors Brett kriegen“, vermutet der Branchenkenner. Die Hersteller selbst kümmert das wohl wenig. „Die haben in den vergangenen Jahren nicht in ihren wichtigsten Kunden investiert – den Handel.“ Und nun, wo die Konzerne mit ihren Banken selbst Probleme haben, sei dies kaum noch möglich.

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