Wirtschaft : Autohändler drohen Herstellern mit Boykott

Die Konzerne wollen am Vertrieb sparen und die Gewinnspannen der Verkäufer kürzen. Die wehren sich – weil sie um ihre Existenz fürchten

D. Fockenbrock[N. Adolph],D. Rhee-Piening

Die Automobilhändler gehen auf die Barrikaden. Sie weigern sich, neue Verträge mit BMW, Opel, Volkswagen oder anderen Herstellern zu unterschreiben. Dabei drängt die Zeit. Zum ersten 1. Oktober laufen die alten Vereinbarungen aus, weil fast alle Hersteller Tausenden von Vertragspartnern gekündigt haben. Die fürchten jetzt um ihre Existenz und werfen den Autokonzernen vor, sie in den Ruin zu treiben. „Für viele Opel-Händler stellt sich die Frage, ob das wirtschaftlich noch Sinn macht“, sagt Hans-Joachim Flohr, Vorstandssprecher des Verbandes der deutschen Opel-Händler. In Mainz haben gerade 2000 VW-Händler beschlossen, vorerst nichts zu unterschreiben. Die BMW- Händler haben sogar die EU-Kommission und das Bundeskartellamt eingeschaltet.

Hintergrund des Streits zwischen Handel und Herstellern ist die Liberalisierung des Autohandels in der Europäischen Union. Im Kern geht es um die Änderungen der Gruppenfreistellungsverordnung (siehe Kasten). Bislang genoss die Branche Ausnahmeregeln. So konnten beispielsweise Verkaufsgebiete gegen Konkurrenten abgeschottet werden. Damit ist es ab Oktober vorbei. Volkswagen, Opel und die anderen Hersteller nutzen jetzt diese Chance, um ihre Vertriebsnetze zu verkleinern. Am Ende sollen weniger, dafür aber wirtschaftlichere Betriebe übrig bleiben.

Bei Opel wird der Streit um Verträge und Konditionen mit besonderer Schärfe ausgetragen. Grund ist das Sanierungsprogramm „Olympia“, mit dem der angeschlagene Rüsselsheimer Autobauer seit zwei Jahren versucht, in die Gewinnzone zurückzukehren. Dabei sollen auch die Händler ihren Beitrag leisten. Nach den Opel-Plänen wird die Hälfte der Händler keinen neuen Vertrag bekommen. Deren Zahl soll von 890 Ende 2002 auf nur noch 470 im Jahr 2005 sinken. Die Handelsmargen sollen um fast drei Prozentpunkte gekürzt werden. Bislang liegen die nach Angaben des Opel-Händlerverbandes im Schnitt zwischen 16 und 17 Prozent. Als die Vorschläge aus Rüsselsheim auf den Tisch kamen, waren die Händler so empört, dass sie spontan die Händlerpräsentationen der neuen Modelle Meriva und Signum im spanischen Valencia boykottierten. Ohne großen Erfolg. Opel blieb hart.

Auch zwischen BMW und seinen 420 Vertragspartnern in Deutschland gärt es: Vor ein paar Wochen haben die Vertragshändler des Autobauers Beschwerde bei der EU-Kommission und beim Bundeskartellamt eingereicht. BMW habe die Gelegenheit genutzt, die Händler fest an sich zu binden. „Die unternehmerische Freiheit der Händler wird in Zukunft noch stärker beschnitten“, sagte der Geschäftsführer des Verbands Deutscher BMW-Vertragshändler (VDB), Wiegbert Heil, dem Tagesspiegel. Die Händler stoßen sich vor allem daran, dass BMW die bisher unbefristeten Verträge auf eine Laufzeit von fünf Jahren begrenzt hat und nun binnen Jahresfrist kündigen kann. Händler hätten so größere Probleme, wenn sie Kredite von Banken haben wollten. Zudem bezweifeln die Händler, dass die in der neuen GVO festgelegte Trennung von Vertrieb und Service in den BMW-Verträgen richtig umgesetzt wurde. Außerdem setzt BMW seinen Händlern künftig umfangreiche Standards, was zum Beispiel die Größe der Ausstellungsräume betrifft. „Das ist für die Händler mit sehr hohen Investitionen verbunden“, sagt Heil. Verärgert sind die Händler auch darüber, dass BMW die Marge bei allen neu anlaufenden Modellen von 13 auf elf Prozent senken will, wie es bereits bei der Einführung des neuen 7er-BMW geschehen ist. „Wir befürchten, dass die neuen Bedingungen einige Händler in die Pleite treiben", sagte Heil.

Für die Händler von VW und Audi ist klar: „Wir können die neuen Verträge nicht unterschreiben“, so die Aussagen auf einer Verbandstagung am Wochenende in Mainz, an der rund 2000 Händler teilnahmen. Die neuen Margen wurden als „wirtschaftlich nicht ausreichende Basis bezeichnet“. „Der Verband wurde beauftragt, neue Verhandlungen mit VW und Audi zu beginnen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Michael Lamlé dem Tagesspiegel. „VW sitzt wirtschaftlich gesehen am längeren Hebel. Wir müssen unsere Solidarität dagegensetzen“, so Lamlé. Die wirtschaftliche Lage der VW- und Audi-Händler sei keineswegs rosig. Im Durchschnitt erreichten die Betriebe nur eine Umsatzrendite von 0,8 Prozent, sagt Lamlé. VW will die garantierte Mindestmarge von 13,5 Prozent auf elf Prozent senken. Die Höchstmarge soll von 18,8 Prozent auf 20 Prozent heraufgesetzt werden. „Die bekommen aber nur die erfolgreichsten Betriebe“, sagt Lamlé. Darüber wollen VW und Audi auch die anderen Anforderungen an die Partner erhöhen. Neue Ausstellungshallen und eine bessere Schulung der Mitarbeiter. Klar ist auch: Von 1900 VW-Händlern sollen allein in diesem Jahr 400 wegfallen.

Bei VW scheint man vorzubauen. Der Konzern will sich das Recht vorbehalten, zur Standortsicherung bei einzelnen Autohäusern eine Beteiligung erwerben zu können. Bei etwa 45 Betrieben, deren Fortbestand offen ist, könnte eine Beteiligung notwendig werden, schätzt man in Wolfsburg.

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