Wirtschaft : Autohersteller stetzen auf neue Minivans

zel/HB

Nischenbildung ist Trumpf: Mit viel Elan suchen alle Automobilhersteller nach neuen Marktlücken und daraus abgeleiteten Modellvarianten. Der große Erfolg der ersten Großraumlimousinen ("Minivans") hat die meisten Autokonzerne auf die Idee gebracht, den Minivan-Gedanken auch auf Kleinwagen zu übertragen. Bislang waren die Minivans eine Nummer größer und basierten auf Mittelklasse-Modellen wie dem Opel Astra (Minivan-Variante: "Zafira") und dem Renault Mégane (Minivan: "Scénic").

Als erster europäischer Autohersteller bringt Ford einen Minivan auf Basis eines Kleinwagens auf den Markt. Anfang März will der US-Konzern auf dem Automobilsalon in Genf seinen "Fusion" präsentieren - eine Karosserievariante des Ford-Klassikers Fiesta. Zum Jahresende wird das Auto dann wahrscheinlich erstmals bei den Händlern stehen.

Mit dem in Köln gefertigten Auto verspricht sich das Unternehmen vor allem Chancen bei jungen Familien. "Der Fusion ist unser erstes familientaugliches Kleinwagen-Konzept, das speziell mit Blick auf die Belange von jungen, modernen Städtern entwickelt wurde", sagt Martin Leach, Entwicklungschef von Ford Europa. Ähnlich ist die Zielsetzung beim Ford-Konkurrenten Opel. Bei dem Rüsselsheimer Automobilhersteller basiert der kleine Minivan (wahrscheinlicher Name: "Viva") auf dem seit Jahren bekannten Kleinwagen Corsa. Produktionsort wird vom nächsten Jahr an das spanische Zaragossa sein, möglicherweise kommt später noch Eisenach dazu.

Auch die anderen Hersteller arbeiten an ähnlichen Fahrzeug-Varianten. Hartnäckig halten sich in der Automobilbranche Gerüchte, dass im kommenden Jahr auch erstmals Volkswagen (basierend auf dem Polo) und Fiat (auf Punto-Basis) entsprechend kleine Minivans produzieren werden. Ein Jahr später werden voraussichtlich Renault und Mitsubishi Motors folgen. Erster Anbieter in dem neuen Fahrzeug-Segment war allerdings ein japanischer Konzern: Toyota verkauft seinen "Yaris Verso" bereits seit dem vergangenen Jahr. Branchenexperten sind sich einig, dass tatsächlich ein neues Fahrzeug-Segment entsteht. Das britisch-amerikanische Marktforschungsunternehmen DRI-Wefa schätzt, dass im Jahr 2005 jährlich bereits etwa 500 000 Stück der neuen kleinen Minivans verkauft werden. "Das sind etwa 20 Prozent des gesamten Kleinwagen-Segments", erwartet DRI-Experte Colin Couchman. Er warnt allerdings davor, sofort einen Durchbruch dieses neuen Fahrzeug-Segment zu erwarten. Die Käufer könnten sich vom Design abgeschreckt fühlen, wenn die Autos zu hoch und zu eckig gerieten.

Auch in wirtschaftlicher Sicht muss das neue Minivan-Segment auf Kleinwagen-Basis nicht unbedingt in kurzer Zeit ein großer Erfolg werden. DRI-Wefa erwartet, dass diese Autos nicht für Wachstum sorgen, sondern vor allem Käuferschichten aus anderen Segmenten abziehen werden. Typische Kunden für die neuen Minivans würden voraussichtlich die Käufer der bisher üblichen Kleinwagen sein. Die Marktforscher vermuten weiter, dass sich von diesen Minivans Autofahrer angesprochen fühlen, die bislang zu einem VW Golf oder Opel Astra gegriffen haben.

Die Zukunftsaussichten der neuen kleinen Vans beurteilt DRI-Wefa allerdings grundsätzlich positiv. Am gesamten Markt für Großraumlimousinen würden sich die Kleinen ein ordentliches Stück vom Kuchen abschneiden und in fünf Jahren einen Anteil von etwa einem Drittel erreichen. Wichtiger bleibe lediglich das Segment der Minivans, die auf den Mittelklasse-Modellen basieren (50 Prozent Anteil).

In der Automobilbranche herrscht Einigkeit darüber, dass die neuen kleinen Vans nicht die letzte Modellvariante sein werden. "Durch die Individualisierung der Nachfrage kommt es zu einer zunehmenden Mikrosegmentierung, die eine steigende Variantenvielfalt zur Folge hat", prophezeit Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Möglicherweise wird der Autosalon in Genf schon Hinweise auf die nächste Variantenbildung geben.

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