Autoindustrie : Amerikanische Krankheit

GM und Opel sind seit bald 80 Jahren verbunden und haben voneinander profitiert – doch die Verbindung war nicht immer einfach.

Corinna Visser
239820_0_545f7528.jpeg

Berlin - 100 Jahre, 62 Tage und einige Stunden – die historische Internetseite von General Motors (GM) zählt sogar die Sekunden, seit wann es den größten amerikanischen Autohersteller schon gibt. Die Zeit läuft weiter. Noch. Viel spricht dafür, dass die Tage von Opels Mutterkonzern GM gezählt sein könnten. Jedenfalls in der heutigen Form. Tatsächlich versuchen die Amerikaner bereits, sich durch Verkäufe ein wenig Luft zu verschaffen. Der schwer angeschlagene US- Konzern verkauft seine Beteiligung an dem Autobauer Suzuki zurück an die Japaner für umgerechnet 185,7 Millionen Euro. GM hielt zeitweise bis zu 17 Prozent an Suzuki. Nun droht der über lange Jahre größte Autohersteller der Welt in die Insolvenz zu schlittern und hofft auf Milliardenkredite vom amerikanischen Staat. Auch über einen möglichen Verkauf von Opel wird spekuliert.

Die Lage verschärft sich: Im Oktober brach der Autoabsatz in den USA um 32 Prozent ein, der Absatz von GM sogar um 45 Prozent. Die US-Regierung arbeitet an einem milliardenschweren Hilfspaket für die Branche. Die Gespräche mit den republikanischen Kongressabgeordneten sollen in den nächsten Tagen fortgesetzt werden, damit den Herstellern möglicherweise noch in dieser Woche geholfen werden kann, sagte die Sprecherin von US-Präsident George W. Bush. Zugleich erneuerte das Präsidialamt aber seine Weigerung, den für die Finanzbranche gespannten 700-Milliarden-Dollar- Rettungsschirm auszuweiten.

Das Schicksal von Opel ist seit knapp 80 Jahren eng mit dem von GM verknüpft. Opel gehörte zu den Pionieren des Automobilbaus in Deutschland. In der Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts jedoch kam auch Opel in Schwierigkeiten, General Motors wiederum suchte wegen hoher Einfuhrzölle ein Produktionswerk in Deutschland. 1929 übernahm GM das deutsche Familienunternehmen.

„In den goldenen Zeiten der Automobilindustrie hat Opel von GM profitiert“, sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. In den 50er und 60er Jahren seien die Amerikaner führend gewesen und hätten gleichsam als Lokomotive für die gesamte Branche fungiert. Doch Anfang der 70er, mit dem ersten Ölpreisschock, habe der Niedergang begonnen. Das sei auch für Opel eine riesige Belastung geworden.

Amerikanische Konzerne werden sehr zentralistisch geführt. „Alle wichtigen Entscheidungen fallen in Detroit“, darunter habe Opel gelitten, sagt Autoexperte Willi Diez. Viele Chefs in Detroit dachten lange: „Big cars, big profits – small cars, small profits.“ Doch inzwischen gehen die Verkaufszahlen für das meistverkaufte Modell Chevy Silverado, einen voluminösen Kleinlaster mit offener Ladefläche, stark zurück. Diez wirft GM vor, wichtige Entwicklungen bei Opel blockiert zu haben. So sei der deutsche Autobauer etwa in Sachen Dieseltechnik dem Markt über weite Strecken hinterhergehinkt. Massive Sparanstrengungen in den 90er Jahren unter dem Regiment des gefürchteten Chefeinkäufers José Ignacio López führten nicht nur zu massiven Qualitätsproblemen, auch die Innovationsfähigkeit und die Attraktivität der Modelle litten. Opel verlor seinen guten Ruf.

Während VW zu einem internationalen Schwergewicht wuchs, schrumpfte Opel unter dem Sparkurs zusammen. Der Marktanteil in Deutschland sackte von 17 Prozent Anfang der 90er Jahre auf derzeit knapp zehn Prozent. Zu den Problemen trug auch bei, dass Opel wichtige Absatzmärkte versperrt waren oder noch immer sind. So durften lange Zeit keine Opel-Fahrzeuge nach Nordamerika exportiert werden. In den USA wird der Opel Astra heute unter dem Namen Saturn Astra verkauft. Auch ist der Wachstumsmarkt China für Opel tabu.

Doch als die massiven Probleme Anfang dieses Jahrzehnts nicht mehr zu übersehen waren, sprang die US-Mutter Opel zur Seite. Ein neues Werk entstand in Rüsselsheim, dazu ein europäisches Designzentrum für alle GM-Marken des alten Kontinents. Bis 2012 wollte GM neun Milliarden Euro in die deutsche Tochter investieren. Davon sollten allein 6,5 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Modelle und neuer Antriebssysteme fließen. Heute ist Opel im Konzern das Kompetenzzentrum für die Mittel- und Kompaktklasse – ein zukunftsträchtigerer Markt als schwere Kleinlaster. Auch der Chef entwickler des Elektroautoprogramms, Frank Weber, ist ein Deutscher.

Ob GM bisher mehr von Opel profitiert habe als umgekehrt, sei schwer zu sagen, meint Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. „Beide haben einander gebraucht. Es gab Zeiten, da hat Opel von den Schecks aus den USA profitiert. Aber das war keine Einbahnstraße.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar