Wirtschaft : Autoindustrie gibt Klimaziel auf

Reduzierung der CO2-Emission bis 2010 ist kaum zu schaffen– die EU droht jetzt mit Zwangsmaßnahmen

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Brüssel (sce/HB). Die EU steht vor einem Konflikt mit der europäischen Automobilindustrie: Die Hersteller verabschieden sich von dem Ziel, bis 2010 den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) auf 120 Gramm pro Kilometer zu drücken. Absatzkrise, Massenentlassungen und Kurzarbeit hindern manche Konzerne daran, mit großem finanziellen Aufwand in umweltfreundliche Motoren und leichte Karosserien zu investieren. „Die Zielmarke von 120 Gramm ist weder ökonomisch noch technisch machbar", sagte ein Manager eines deutschen Herstellers dem Handelsblatt. Im Dezember will der europäische Herstellerverband ACEA der EUKommission und den EU-Umweltministern die Trendwende mitteilen.

Die drastische Reduzierung der CO2-Emissionen im Straßenverkehr ist ein wichtiger Baustein in der Klimaschutzpolitik der EU. Europaparlament und EU-Ministerrat hatten im Jahr 2000 festgelegt, dass die Automobilindustrie bis spätestens 2010 den CO2-Durchschnittsausstoß ihrer Flotten auf 120 Gramm gesenkt haben soll. Das entspricht einem Einsparvolumen von fast 100 Millionen Tonnen des schädlichen Treibhausgases. Umweltpolitiker fürchten, dass die EU ihre Klimaschutz-Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll ohne diesen Beitrag nicht erfüllen kann. Im Kyoto-Protokoll haben sich die Europäer verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen im Zeitraum 2008 bis 2012 um acht Prozent gegenüber 1990 verringern.

Die Industrie war jahrelang bereit, beim Umweltschutz mitzuziehen. Bereits 1998 hatte der Branchenverband ACEA eine freiwillige Vereinbarung mit der EU-Kommission unterschrieben. Die Selbstverpflichtung sieht vor, bis 2008 den CO2-Ausstoß bis auf 140 Gramm je Kilometer zu drücken. Die weitere Absenkung auf 120 Gramm wurde in Aussicht gestellt. Doch jetzt gerät selbst das Zwischenziel von 140 Gramm ins Wanken. Laut dem jüngsten Monitoring-Bericht der ACEA lag der Durchschnittswert aller europäischen Hersteller 2002 bei 165 Gramm je Kilometer. Eine weitere signifikante Absenkung sei angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen „kaum zu realisieren“, sagt ein ACEA Manager. Aus internen ACEA-Projektionen geht hervor, dass in Europa möglicherweise nur der französische PSA-Konzern (Peugeot, Citroën) in der Lage sein wird, seine Flotte bis 2008 für den EU-Standard fit zu machen.

Kippen die Umweltabkommen der Automobilindustrie mit den EU-Gremien, drohen Zwangsmaßnahmen. „Wenn das Instrument der freiwilligen Vereinbarung nicht funktioniert, müssen wir unsere klimapolitischen Ziele mit Hilfe der Gesetzgebung anstreben“, fordert der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange. Aus der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission heißt es, eine „Blaupause“ für gesetzliche CO2-Grenzwerte liege bereit. Die Krux der Hersteller: Ökologische Anstrengungen werden vom Verbraucher nicht honoriert. Die Nachfrage nach Öko-Autos lahmt. Der Drei-Liter-Lupo von VW, der nur 81 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt, bleibt ein Ladenhüter. Statt dessen sind die leistungsstarken Modelle gefragt.

Kein Wunder, dass die Hersteller schwerer Limousinen wie BMW und Daimler-Chrysler besonders massive Probleme mit dem Klimaschutz haben. Aus Branchenkreisen heißt es, in den Zentralen der Massenmarken wie Ford und Opel schwinde die Bereitschaft, die von Brüssel auferlegten Umweltlasten für die Luxusklasse mit zu übernehmen. „Die Solidarität in der ACEA ist brüchig“, glaubt ein Brüsseler Lobbyist. Zusätzlich dämpft die flaue Autonachfrage den Ehrgeiz der Hersteller, leichtere, kraftstoffsparende Karosserien sowie moderne, schadstoffarme Motoren zu entwickeln.

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