Autoindustrie : GM kann wiederauferstehen – mit Staatshilfe

40 Tage nach dem Insolvenzantrag startet der Autobauer durch. General-Motors-Chef Henderson verkündete die Gründung eines neuen Konzerns – mit dem Staat als Mehrheitseigner.

Der einst weltgrößte Autobauer kann den Gläubigerschutz verlassen: Der frühere Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) wird verstaatlicht, deutlich verschlankt und unter dem Namen "New GM" die Geschäfte wieder aufnehmen. Dies teilte GM-Chef Fritz Henderson am Freitag mit. "Der heutige Tag markiert einen Neuanfang für General Motors", sagte er am Konzernsitz in Detroit.

Neuer Mehrheitseigner wird die US-Regierung, die gemeinsam mit Kanada 72,5 Prozent der Konzernanteile übernimmt. Ein entsprechender Vertrag sei bereits unterzeichnet worden, sagte Henderson, die rettende Übernahme durch den Staat damit beschlossene Sache. Schon im kommenden Jahr will Washington erste Teile von GM wieder an die Börse bringen.

Der neue, kleinere GM-Konzern soll stark genug sein, die derzeitige Krise auf dem globalen Automarkt zu überstehen. Er umfasst die Marken Chevrolet, Cadillac, Buick und GMC. Sie gelten als die wertvollen, überhaupt überlebensfähigen Konzernbereiche. Die meisten Altlasten werden abgewickelt. In Zukunft will GM mehr kraftstoffsparende Modelle auf den Markt bringen und sich auf weniger Marken, Modelle und auf weniger Vertragshändler konzentrieren.

Auch nach etlichen drastischen Sanierungsrunden bleiben dem neuen GM-Konzern harte Einschnitte nicht erspart. Nochmals werden über ein Dutzend Werke und 40 Prozent der Händler dicht gemacht. Weitere zehntausende Jobs fallen weg – nach Worten von Henderson nun auf rund 64.000 Stellen in den USA bis Jahresende. Zuvor hatte die Autogewerkschaft UAW Zugeständnisse bei der Krankenversicherung für die Betriebsrentner gemacht und erhält damit zunächst 17,5 Prozent der Anteile.

Die langjährige deutsche GM-Tochter Opel gehört wie auch Saab, Hummer und Saturn nicht mehr zu dem Autoriesen. Sie waren rechtzeitig vor der Insolvenz rechtlich abgespalten worden. Bis zu einem Verkauf an einen Investor verwaltet ein Treuhänder eine Mehrheit von 65 Prozent der Anteile. Die Verkaufsverhandlungen führt GM, der auch in Zukunft 35 Prozent an Opel halten wird. Als Favorit für einen Zuschlag gilt weiterhin der kanadische Autozulieferer Magna und dessen russischer Partner Sberbank. Laut Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wollen Magna und GM in der kommenden Woche einen Vertrag unterschreiben, auch wenn noch viele "Hausaufgaben" gemacht werden müssten. Weiterer Opel-Interessent ist der chinesische Hersteller Beijing Automotive (BAIC).

Der GM-Neustart bildet den vorläufigen Abschluss der Bemühungen von Präsident Barack Obama, die heimische Autoindustrie vor dem Untergang zu bewahren. Dafür stellte seine Regierung GM rund 60 Milliarden Dollar zur Verfügung, damit der Detroiter Konzern seine Restrukturierung vorantreiben konnte. Nur so war es GM möglich, einen Großteil seiner Schuldenlast abzuwälzen. Jetzt werden rund 50 Milliarden Dollar der staatlichen Hilfen in Aktien des neuen GM-Konzerns umgewandelt.

GM hatte am 1. Juni Gläubigerschutz beantragt. Mit Vermögenswerten über rund 83 Milliarden Dollar und Verbindlichkeiten von rund 173 Milliarden Dollar zum Ende März war es die drittgrößte Insolvenz in der Geschichte der US-Wirtschaft. Nur die "Chapter 11"-Verfahren der US-Bank Lehman Brothers und des Telekommunikationskonzerns Worldcom waren noch größer.

Von Anfang 2005 bis heute hat GM ein Minus von insgesamt 88 Milliarden Dollar eingefahren. Die Talfahrt beschleunigte zuletzt der dramatische Einbruch des Autoabsatzes erst auf dem US-Heimatmarkt und später wegen der Wirtschaftskrise auch in Europa und andernorts. Zum Verhängnis wurden dem Konzern zu hohe Kosten und eine verfehlte Modellpolitik. Viel zu lange setzte GM überwiegend auf spritfressende Limousinen und Pickups. Asiatische Rivalen wie Toyota wurden völlig unterschätzt.

ZEIT ONLINE, dpa, Reuters

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