Autoindustrie : Porsche will VW vor Übernahme schützen

Porsche steigt mit einer 20-Prozent-Beteiligung bei Europas größtem Autohersteller Volkswagen ein. Damit will die Stuttgarter Sportwagenschmiede ihren Partner VW langfristig vor einer feindlichen Übernahme schützen.

Stuttgart/Wolfsburg (25.09.2005, 17:35 Uhr) - Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gab diese Pläne am Sonntag bekannt. Porsche kündigte an, man wolle «rund 20 Prozent des stimmberechtigten Kapitals an der Volkswagen AG» übernehmen. Unklar blieb, auf welchem Weg dies geschehen soll. Nach aktuellem Börsenkurs (51,86 Euro zum Xetra-Schluss am Freitag) würden 20 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien gut 3,3 Milliarden Euro kosten. Porsche finanziert den Einstieg nach eigenen Angaben «aus der vorhandenen Liquidität». Erst zum Ende der vorigen Woche hatten Gerüchte, der US-Milliardär Kirk Kerkorian wolle bei VW einsteigen, den Aktienkurs auf bis zu 52,53 Euro getrieben, den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren.

Der VW-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder reagierte erfreut auf die Ankündigung von Porsche. Eine stabile Aktionärsstruktur sei für das langfristig angelegte Automobilgeschäft sehr wichtig. Auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) als Repräsentant des bislang größten VW-Aktionärs und die IG Metall äußerten sich positiv. Alle sprachen von einer guten Nachricht für die beteiligten Unternehmen und für den Standort Deutschland.

Porsche begründet den Schritt mit den intensiven Beziehungen der beiden Autohersteller in der Entwicklung und Fertigung - und mit der prekären Lage, die für VW entstehen kann, wenn das so genannte VW-Gesetz von der EU gekippt wird. Danach darf bisher kein anderer Aktionär mehr als 20 Prozent der Stimmrechte ausüben, unabhängig davon, wie viele Anteile er am Unternehmen hält.

«Mit dem geplanten Engagement soll erreicht werden, dass es auch nach der zu erwartenden Aufhebung des VW-Gesetzes durch ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofes nicht zu einer feindlichen Übernahme von Volkswagen durch Investoren kommen kann, die nicht die langfristigen Interessen von VW zum Ziel haben», betonte Porsche. Wörtlich bezeichnete Wiedeking den Einstieg bei VW als «strategische Antwort auf dieses Risiko».

Für Porsche ist Volkswagen ein wichtiger Entwicklungspartner und ein bedeutender Lieferant «für etwa 30 Prozent des Absatzvolumens». Wiedeking betonte, dass man mit der VW-Beteiligung «sowohl die Geschäftsbeziehungen zu VW als auch einen wesentlichen Teil unserer Zukunftsplanungen langfristig absichern» wolle. Eine vollständige Übernahme sei nicht geplant. «Die Beteiligung wird auf keinen Fall die Schwelle erreichen, bei der Porsche ein öffentliches Angebot zur Übernahme von Volkswagen abgeben müsste.»

An diesem Montag steht bei Volkswagen eine weitere wichtige Weichenstellung bevor: Dann soll die Entscheidung darüber fallen, wo der geplante Golf-Geländewagen gebaut werden soll. Nach Informationen der «Bild»-Zeitung (Samstag) sollen sich Vorstand und Betriebsrat bereits auf Wolfsburg geeinigt, nachdem die Arbeitnehmerseite sich zu «erheblichen Zugeständnissen» bei den Lohnkosten bereit erklärt habe. Die VW-Spitze hatte gedroht, das Auto in Portugal zu bauen, wenn der Betriebsrat keine Zugeständnisse mache. Im Gespräch war eine Summe von 850 Euro pro Fahrzeug, die VW bei den Personalkosten einsparen will. Ein VW-Sprecher sagte dazu lediglich: «Die Entscheidung fällt erst am Montag.»

Bislang wichtigster VW-Aktionär ist das Land Niedersachsen mit 18,2 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien, VW hält selbst rund 13 Prozent, übt aber die Stimmrechte nicht aus. Verhandlungen über den Verkauf dieses Paketes an das Golfemirat Abu Dhabi waren im September 2004 an unterschiedlichen Preisvorstellungen gescheitert. Weitere wichtige Anteilseigner sind der US-Investmentberater Brandes Investment Partners (San Diego) mit 10,65 Prozent der Stammaktien (Stand Ende 2004) und die US-Beteiligungsgesellschaft The Capital Groups Companies (Los Angeles), mit 5,12 Prozent (Stand: März 2005).

Der Autoexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer sprach von einem «geschickten Schachzug» des Porsche-Enkels und VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch. Die Familie Porsche/Piëch könne als fester Investor bei VW die gleiche Rolle spielen wie die Familie Quandt bei BMW, sagte Dudenhöffer der «Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung» (NRZ, Montag). Dudenhöffer äußerte die Vermutung, dass die Spekulationen um einen Einstieg Kerkorians mit Blick auf die Porsche-Pläne gestreut worden sein könnten. Die Gerüchte seien seiner Ansicht nach «bewusst in Umlauf gebracht worden, um zu vertuschen, dass ein Einstieg von Porsche bei VW bevorsteht». (tso/dpa)

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