Autoindustrie : Volle Power

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat sich bei der VW-Übernahme verhoben. Am Ende gewinnt wieder einmal Ferdinand Piëch.

A. Frese,H. Mortsiefer

Berlin - Was macht Wolfi? Verbündet er sich mit seinem Vetter Ferdinand oder schützt er weiterhin Wendelin Wiedeking? Wolfgang Porsche, genannt Wolfi, ist wichtig. Er ist eine Schlüsselfigur auf dem Schachbrett des gerissensten Spielers, den die Autoindustrie zu bieten hat: Ferdinand Piëch. Das Spiel um VW und Porsche läuft schon einige Jahre und nicht immer war erkennbar, wer vorne liegt. Oder überhaupt: Wer welche Position einnimmt. Manchmal war sogar schwer zu erkennen, wer gegen wen in Stellung geht. Doch nun wird die Lage übersichtlich. Die Verlierer sitzen in Stuttgart und heißen Wendelin Wiedeking und Wolfgang Porsche.

In Wolfsburg freuen sich VW-Chef Martin Winterkorn und sein Betriebsrat Bernd Osterloh über die erstaunliche Wendung zu ihren Gunsten. Und irgendwo zwischen Stuttgart und Wolfsburg und am Ende immer obenauf ist Ferdinand Piëch. Der Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratschef arbeitet seit Jahrzehnten verbissen daran, den Volkswagen–Konzern, für den Piëchs Großvater Ferdinand Porsche einst den Käfer konstruierte, zur Nummer eins zu machen. Weltweit natürlich. Und das sieht gut aus in diesen Zeiten. Toyotas Vorsprung schrumpft, VW mit insgesamt neun Marken, darunter Audi, Seat und Skoda, hält sich wacker in der Krise. Womöglich kommt demnächst eine zehnte Marke dazu: Porsche. Das wäre dann die Pointe am Ende eines grandiosen Spiels um Macht und Milliarden.

Eigentlich gehört VW zu Porsche, jedenfalls zu gut 50 Prozent. Wiedeking und seine rechte Hand, der Porsche-Finanzvorstand Holger Härter, haben in den vergangenen zwei Jahren äußerst geschickt die Mehrheit in Wolfsburg übernommen und dabei mit komplizierten Wertpapiergeschäften Milliarden verdient. Das ist die eine Seite. Die Übernahme hat aber auch fremdes Geld gekostet, Kredite, die zu bedienen sind. Wiedeking und Härter hatten sich nun ausgedacht, mit einem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag an die VW- Kasse (aktueller Stand: 10,7 Milliarden Euro) zu kommen. Ferner wollten sie 75 Prozent an Volkswagen übernehmen und gleichzeitig mit Hilfe der EU das VW-Gesetz kippen. Denn dieses Gesetz räumt Niedersachsen, mit gut 20 Prozent der zweite große VW-Aktionär, eine Sonderrolle inklusive Sperrminorität ein.

Wiedekings Kalkül ist gleich mehrfach nicht aufgegangen: Das Gesetz hat Bestand, Porsche ist weit entfernt von 75 Prozent und wird überdies zunehmend klamm. Die teuren Sportwagen verkaufen sich schlecht – zwischen August 2008 und Januar 2009 brach der Verkauf um 26,7 Prozent ein.

Außerdem sind die angeschlagenen Banken bei der Kreditvergabe strenger denn je. So schaffte es Finanzchef Härter nur nach wochenlangen Verhandlungen, einen Zehn-Milliarden-Kredit zu verlängern – zu deutlich schlechteren Konditionen als die Porsche-Finanzjongleure sie bislang gewohnt waren. Bitter für Härter, der letztes Jahr noch als Finanzgenie gefeiert wurde, und der nun netto neun Milliarden Euro Schulden zu bedienen hat. Superstar Wiedeking, der Porsche zum profitabelsten Autobauer der Welt machte und dafür in den letzten Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag kassierte, wird inzwischen mit Maria-Elisabeth Schaeffler verglichen, die sich ebenfalls mit einer Übernahme (von Continental) verhob. Bei VW ist die Genugtuung eher klammheimlich, doch im Schutz der Anonymität kann man die Schadenfreude „über das Arschloch, das immer alles besser weiß“, deutlich formulieren. So spricht ein VW-Aufsichtsrat über Wiedeking, der auch im Aufsichtsrat sitzt.

Der versucht, sich aus dem Schlamassel zu befreien. „Es geht aktuell vor allem darum, mit den Banken anständige Konditionen für die Refinanzierung seiner Milliardenkredite auszuhandeln“, sagt Christoph Stürmer, Autoexperte beim Beratungsunternehmen Global Insight. Das ist nicht einfach, so selbstbewusst wie vor Monaten treten Wiedeking und Härter schon lange nicht mehr auf. Die Ratingagenturen sind auf Autokonzerne nicht gut zu sprechen. „Die Anleihen von vielen Banken und Autoherstellern gleichen momentan Junkbonds. Warum sollte es Porsche besser ergehen?“, sagt Albrecht Denninghoff von der BHF-Bank. Bis Ende Mai brauche die Porsche-Führung gute Noten, um auf dem Markt Milliarden zu moderaten Zinsen aufzunehmen. „Fällt das Rating zu schlecht aus oder läuft die Platzierung schlecht, dann braucht das Unternehmen einen Plan B. Das könnte eine Auffanglösung sein: VW übernimmt das Autogeschäft von Porsche.“ Am Samstag meldete der „Focus“, dass auch der Emir von Katar Interesse an Porsche habe.

Global-Insight-Experte Stürmer sieht es eng werden für den Porsche-Chef. Wenn die nächste Finanzierungsrunde nicht gut läuft, „muss sich Wiedeking entscheiden, ob er geht. Er war perfekt für Porsche, solange das Unternehmen unabhängig operieren konnte. Nun könnten Zeiten anbrechen, in denen auch ein Wiedeking kooperativer und moderater vorgehen muss.“ Kleinlaut eben. „Die Übernahme von Porsche läuft nicht so, wie Porsche sich das vorgestellt hat“, ergänzt Dennighoff. „Aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass Wiedeking stürzt.“

Das wiederum hängt von einem Mann ab: Wolfgang Porsche. Der 65-Jährige gilt als freundlich und verbindlich. Er vertritt die Interessen des Porsche-Stamms, der ein paar Anteile mehr an dem Sportwagenhersteller hält als der Piëch-Stamm, und fungiert als Aufsichtsratsvorsitzender der neuen Porsche Automobilholding SE, unter deren Dach auch VW angesiedelt ist. Wolfgang stand bislang fest zu Wiedeking und schützte ihn vor Ferdinand Piëch, der mit Wiedeking noch eine Rechnung offen hat. Mindestens eine.

Vor ein paar Jahren unterstützte Wiedeking den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) bei der Verlängerung des Vertrags von Bernd Pischetsrieder als VW-Vorstandsvorsitzender. Gegen den Willen Piëchs. Ein halbes Jahr nach der Vertragsverlängerung war Pischetsrieder fällig; Piëch hatte ihn aus dem Amt gemobbt und ersetzte ihn durch seinen Vertrauten und Audi-Chef Winterkorn. Seitdem sind die Verhältnisse wieder so, wie Piëch sie schätzt. Eigentlich. Das großspurige Auftreten von Wiedeking in Wolfsburg und der Zoff um die Mitbestimmung, mit dem Wiedeking den VW-Betriebsrat auf die Bäume trieb, ging Piëch ebenso auf die Nerven wie die Sorge, Wiedeking könnte dem Porsche-Konkurrenten Audi schaden.

Am 12. September 2008 zeigte Piëch Wiedeking und Wolfi, wo der Hammer hängt. Der Vorsitzende Piëch tauchte nicht auf, als der VW-Aufsichtsrat über einen Antrag der VW-Arbeitnehmerseite zur künftigen Kooperation zwischen Audi und Porsche abstimmte. In einem Schreiben an den stellvertretenden Aufsichtsratschef, Ex-IG-Metall-Boss Jürgen Peters, erklärte Piëch, sich der Stimme zu enthalten. Damit ging der Antrag der Arbeitnehmer durch. Die Kapitalseite, zu der Piëch ebenso gehört wie sein Vetter Wolfi und Wiedeking, war konsterniert. „Ich bin entsetzt über das Abstimmungsverhalten des Aufsichtsratsvorsitzenden“, klagte Wolfgang Porsche. Im Porsche-Aufsichtsrat waren kernigere Töne zu hören: „Der Piëch ist bekloppt.“

Wirklich? „Piëch steht seit 15 Jahren für eine kontinuierliche Strategie bei VW“, sagt BHF-Analyst Denninghoff. Der 72-Jährige wolle, „dass sein Erbe erhalten bleibt“. Und von würdigen Nachfolgern gepflegt wird. Wiedeking gehört nicht dazu. Doch um den loszuwerden, braucht er den Vetter Wolfgang. Und der wechselt womöglich die Seiten, wenn es eng wird für Porsche. Wenn die Kurse der Aktien von VW und Porsche weiter fallen. Aktien, die womöglich von Wiedeking und Härter bei den Banken verpfändet sind. Und dann greift womöglich ein Sonderkündigungsrecht der Banken über die Kreditlinien und Porsche fliegt richtig aus der Kurve.

Das wird Wolfi nicht wollen. Die Demission von Wiedeking und Härter könnte schon in einigen Monaten anstehen, schreibt der „Spiegel“. In großen Teilen der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch sei das Urteil über die beiden gefällt. Als „rufschädigende Spekulation“ wies Porsche das am Samstag zurück.

Geht Wiedeking, schlägt die große Stunde der Retter aus Wolfsburg, die mit ihrer Liquiditätspower dem kleinen Sportwagenbauer aus Stuttgart-Zuffenhausen aus der Bankenklemme helfen. Die sich viele schlaue Sprüche von Wiedeking in den vergangenen Jahren anhören mussten. Und was wird aus Wiedeking und dem Finanzgenie Härter? „Gehen Sie davon aus, dass das eine endliche Geschichte ist“, sagt ein VW-Aufsichtsrat.

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