Wirtschaft : Autokauf in Europa: Brüssel hilft deutschen Autokäufern

Till Hoppe

Die Autofahrer können sich freuen. Werden die Brüsseler Reformpläne Wirklichkeit, dürften auch bei uns die hohen Neuwagenpreise sinken. Noch liegt Deutschland mit an der Spitze, doch wenn die EU-Kommission - wie geplant - den Autovertrieb liberalisiert, wird sich das für deutsche Autokäufer in Euro und Cent auszahlen. Am kommenden Dienstag wird EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti vorstellen, wie die bislang geltende Gruppenfreistellungsverordnung reformiert werden soll. Am 1. Oktober soll die Neuregelung in Kraft treten.

Ziel der Kommission ist es, den Wettbewerb innerhalb der Vertriebssysteme der Hersteller zu erhöhen. Noch befreit die geltende Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) die "Gruppe" der Autoproduzenten und Vertragshändler von dem Gebot des freien Wettbewerbes im europäischen Binnenmarkt. "Die alte GVO ist eine Zwangsjacke für Hersteller und Händler - aber eine sehr gut gefütterte und bequeme", sagt Monti-Sprecher Michael Tscherny.

Bisher teilen die Autokonzerne das Land in eine begrenzte Zahl von Vertriebsregionen ein. Innerhalb eines Hoheitsgebietes darf nur ein Händler die jeweilige Marke verkaufen. Es ist ihm nicht gestattet, auf fremdem Territorium zu werben und Geschäfte zu machen. Darüber hinaus dulden die Konzerne keine anderen Herren neben sich: Sie können dem Händler verbieten, weitere Marken zu verkaufen. Der Grund? "Das Auto ist ein besonderes Gut", sagt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Nürtingen. Es bedürfe regelmäßiger, kompetenter Wartung. Und das europaweit. Dieser flächendeckende Service werde durch die regionale Zuweisung der Händler gewährleistet, die verpflichtet seien, Werkstätten zu betreiben.

Die Kehrseite der Medaille: Nach Ansicht der Kommission ist die momentane Regelung eine der Hauptursachen für die erheblichen Preisunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. Monti wirft der Autoindustrie vor, in Ländern wie Deutschland eine Hochpreisstrategie zu betreiben. Die Konzerne streiten das ab. Ursache der Preisdifferenzen seien die unterschiedlich hohen Steuersätze in den verschiedenen EU-Staaten.

Monti will marktstarke Autokonzerne dazu zwingen, ihr Netz zu öffnen. Nur Anbieter, deren Marktanteil unter zehn Prozent liegt, dürfen weiterhin die Zahl ihrer Vertragshändler begrenzen. Große Anbieter wie Volkswagen, Mercedes oder Opel müssen hingegen dulden, dass bald auch ausländische Händler hierzulande eigene Autohäuser eröffnen. Das hätte erhebliche Folgen: "Die Händlernetze von Opel und VW werden wegen der großen Preisunterschiede unter Druck geraten", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Automotive Research Center in Gelsenkirchen. Denn künftig könnten Händler aus Niedrigpreisländern wie Dänemark oder den Niederlanden in Deutschland günstig anbieten. Für Mercedes habe diese Regel dagegen kaum Auswirkungen: "Mercedes, BMW und Porsche haben ihre Preise längst europaweit vereinheitlicht", sagt Dudenhöffer.

Aber auch Hersteller, die von der Zehn-Prozent-Klausel nicht betroffen sind, werden den schärferen Wind des Wettbewerb zu spüren bekommen. Montis Reformentwurf sieht vor, dass sie den Händlern nicht mehr Verkaufsgebiete zuteilen können. Den Händlern wird es dadurch ermöglicht, überall aktiv zu werben und zu verkaufen. Ohne eigene Häuser eröffnen zu dürfen, allerdings. Relevant ist das besonders im Grenzgebiet. Denn die Konkurrenz jenseits der Grenze kann dann die günstig eingekauften Autos zum Leidwesen der hiesigen Händler billiger in Deutschland anbieten.

Mit dieser Neuregelung möchte die Kommission gegen Praktiken einiger Konzerne vorgehen, Reimporte aus Niedrigpreisländern zu verhindern. So wurden in der Vergangenheit VW, Opel und Daimler-Chrysler abgemahnt, weil sie ihre Händler angewiesen hatten, nicht an ausländische Kunden zu verkaufen.

Die Folge der Liberalisierung des Autovertriebs werde ein Händlersterben sein, und zwar nicht nur der Autohäuser in den Randgebieten, prognostiziert Diez. Denn: "Stärkere Händler werden in fremde Gebiete hineinverkaufen." Er rechnet damit, dass sich die Zahl der Autohäuser bis 2010 halbieren wird. Für den Verbraucher werde die Liberalisierung der GVO dagegen Vorteile mit sich bringen. Zumindest in Hochpreisländern wie Deutschland. Dudenhöffer: "In der Bundesrepublik werden die Preise wahrscheinlich um drei bis fünf Prozent sinken - aber nur für die Marken, die ihre Preise noch nicht harmonisiert haben." Doch das werde noch drei bis fünf Jahre dauern.

Dudenhöffer rechnet damit, dass "auch die Preise im Werkstattbereich in Bewegung kommen". Denn Montis Entwurf sehe vor, die Vertragshändler von der Pflicht zu befreien, stets auch den Kundendienst zu gewährleisten. Durch die Trennung von Verkauf und Service werde es mehr freie Werkstätten geben. Und Konkurrenz belebt das Geschäft. Auch im Autohandel.

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