Automesse : Glamour war gestern

Die US-Hersteller wirken mit ihren Pick-ups und Limousinen auf der Los Angeles Auto Show wie Dinosaurier - das Tempo geben andere vor. Vom Glanz der großen Marken sehen die Besucher der Messe nicht viel.

Henrik Mortsiefer
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Keine Kundschaft. Die amerikanischen Marken wie Cadillac geben sich auf der Messe kleinlaut. Das Interesse gilt vielmehr den...Foto: dpa

Los AngelesAuf dem Rodeo Drive ist die Autowelt noch in Ordnung. Während auf den Hügeln vor Los Angeles Waldbrände wüten und in Washington über staatliche Milliardenhilfen für General Motors (GM), Ford und Chrysler diskutiert wird, gibt man an den Straßenkreuzungen in Beverly Hills unbeirrt Gas. Röhrend donnern 7er BMWs, S-Klasse-Mercedes, Porsches und Bentleys um den Block. Kaum ein Ort auf dieser Welt dürfte eine höhere Dichte an deutschen Premiumautos aufweisen. Dazwischen hubraumstarke Pick-up Trucks und Geländewagen aus US-Produktion, die sich beim Anfahren wie ein Erdbeben anhören. So geht das Tag und Nacht. Eine endlose Schlange von teurem Blech.

Die Krise der amerikanischen Autoindustrie scheint weit weg zu sein. Aber man muss nicht in die Autostadt Detroit fahren, um die "Big Three" - GM, Ford und Chrysler - leiden zu sehen. Schon auf dem Weg vom Glamour-Viertel hin unter nach Downtown L. A., wo bis zum 30. November im Convention Center die Los Angeles Auto Show 2008 stattfindet, ist die Autokrise am Straßenrand zu besichtigen. Die Parkplätze der Autohändler sind voll, schwere Sport Utility Vehic le (SUV) und Pritschenwagen verstauben in der kalifornischen Sonne. Großflächig wird für Modelle geworben, die niemand mehr haben will oder die sich niemand mehr leisten kann. Im Oktober ist der US-Automarkt um mehr als 30 Prozent eingebrochen, 2008 dürften nicht einmal mehr 14 Millionen Autos in den USA verkauft werden - so wenig wie zuletzt in den 80er Jahren.

US-Medien lassen darüber abstimmen, ob eine staatliche Rettung von GM besser ist oder ein geordnetes Insolvenzverfahren nach dem sogenannten Chapter 11. Letzteres, so werden Experten zitiert, hätte den Vorteil, dass sich der US-Konzern von finanziellen Lasten befreien könnte und das glücklose Management ausgewechselt würde. General Motors pleite? Vor wenigen Wochen ein unvorstellbares Szenario.

Nichts zu sehen vom Glanz der großen Marken

Beim Rundgang über die Automesse - der zweitgrößten nach der Detroit Motor Show - wird schnell deutlich, worunter die US-Branche leidet. GM und Chrysler haben alle angekündigten Neuheiten und Studien zurückgezogen, weil niemand weiß, ob sie je gebaut werden. GMs Elektroauto Volt ("Eine amerikanische Revolution") dreht sich etwas verloren auf dem Messestand. Kein Topmanager, der das Auto anpreist. Alle Pressekonferenzen wurden abgesagt. Ford zeigt immerhin seinen aufgepeppten Mustang. Und 18 Weltpremieren gibt es auf der Messe auch noch zu sehen. Doch die ausgestellten Pick-ups und Limousinen der US-Marken wirken wie Dinosaurier - daran ändern einige Hybrid-Fahrzeuge nichts. "Es ist traurig", sagt ein Messebesucher. "Vom Glanz der großen Marken ist hier nichts zu sehen." Kaum Personal, keine Models, vereinzelte Besucher.

Großer Andrang herrscht hingegen am ersten Pressetag bei den deutschen Herstellern. Sie sind vom Einbruch des US-Marktes zwar nicht verschont geblieben, aber ihre teuren Autos passen - verglichen mit den US-Marken - besser in die Zeit. Der BMW-Konzern, der ein Sechstel seiner Autos auf dem US-Markt verkauft, enthüllt den elektrischen Mini E und damit ein Highlight der Messe. "Wir stehen am Beginn einer neuen Ära der Automobilindustrie", sagt BMW-Chef Norbert Reithofer. "Und BMW ist auf dem richtigen Weg." Den Mini E können Ende des Jahres 500 ausgewählte Kunden in Los Angeles und New York sowie weitere 50 jeweils in Berlin und London für ein Jahr leasen.

Im Sonnenstaat wird innovative Umwelttechnologie geschätzt

Dem Ruf, die wichtigste Autoschau für alternative Antriebe zu sein, wird die L. A. Autoshow aber nicht gerecht. Neben dem Mini, GMs Volt und Mitsubishis Elektroauto i-EV ist in Sachen Batterieantrieb in Los Angeles nichts Neues zu besichtigen. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger versucht es mit einem Spagat: In "allen Formen und Größen" seien auf der Messe Autos mit innovativen Antriebsformen zu sehen. Meint er den riesigen Hybrid-Pick-up Silverado von GM? Oder doch den Mini E? Im Sonnenstaat an der US-Westküste, wo 1,9 Millionen neue Autos pro Jahr zugelassen werden, wird innovative Umwelttechnologie geschätzt und gefördert. Doch zu viel PR für "german cars" will auch Schwarzenegger in diesen Tagen vermeiden: Er dreht lieber in der Tiefgarage eine Ehrenrunde im Elektro-Mini.

Der Rest ist Messeroutine, der sich dann auch die Deutschen nicht entziehen können. Diesel-Modelle wie der VW Touareg mit V6-TDI-Motor und der Audi Q7 als TDI sollen zeigen, dass nicht alles elektrisch oder hybrid sein muss, was der Umwelt guttut. VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg berichtet vom sensationellen Verkaufserfolg des Jetta TDI Clean Diesel. "Für den Jetta gibt es keine Rezession auf dem US-Automarkt." BMW will demnächst mit dem Verkauf der Dieselmodelle 335d und X5 beginnen, Mercedes hat schon seit 2006 Bluetec-Modelle im US-Angebot und Porsche bietet vom kommenden Jahr an den Geländewagen Cayenne auch als Diesel-Variante an. In Kalifornien rennen die Hersteller mit ihrer neuen Diesel-Offensive offene Türen ein. Stolze zehn Prozent des gesamten US-Diesel-Absatzes entfallen auf den US-Staat. Bei Hybrid- und Elektroautos bestreitet Kalifornien ein Viertel des amerikanischen Marktes. Auch deshalb ist Toyota mit seinem Hybrid Prius hier fast zu Hause. Marktanteil in Kalifornien: 22 Prozent.

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