Wirtschaft : Automobilindustrie: Nur die Rezession kann Autoaktien bremsen

Henrik Mortsiefer

Vor der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) geben sich die Branchenverbände und Hersteller gewohnt optimistisch. Boomender Export, kräftig steigende Umsätze, wachsende Marktanteile im Ausland und eine Fülle von Messe-Neuheiten lassen den Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) die dunklen Wolken am Konjunkturhimmel vergessen. Statt der ursprünglich erwarteten 5,2 Millionen Pkw will die Branche in diesem Jahr 100 000 Autos mehr produzieren. Vergleichsweise wetterfest präsentieren sich auch die Aktien der deutschen Autobauer. Gemessen an den Technologiewerten, deren Talfahrt kein Ende zu nehmen scheint, halten sich die Autotitel stabil - trotz der kräftigen Abschläge in den vergangenen Tagen. Die meisten Analysten honorieren die prächtige Geschäftslage mit freundlichen Kommentaren - auch in ihren Prognosen für das kommende Jahr. Für Anleger ergibt sich im Einzelfall allerdings ein differenziertes Bild. Im Wettbewerb um den mobilen Kunden fahren die Konzerne höchst unterschiedliche Strategien. Und: Sollte die weltweite Wachstumsschwäche in eine Rezession münden, dürfte auch das bisher starke Export-Geschäft der Autobauer unter die Räder kommen.

Dämpfer für Volkswagen

Ein Wechselbad der Gefühle erlebt in diesen Tagen die VW-Aktie (Wertpapier-Kennnummer 766 400). In der vergangenen Woche war der Kurs noch durch die Nominierung von Bernd Pischetsrieder zum Nachfolger von VW-Chef Ferdinand Piëch und von positiven US-Absatzzahlen beflügelt worden. Am Montag versetzten jedoch Nachrichten aus Brüssel einen Dämpfer. So ist wahrscheinlich, dass die EU-Kommission gegen das so genannte VW-Gesetz vorgehen wird, das den Konzern vor feindlichen Übernahmen schützt. Piëch war zuvor in einem Interview von seinem Ziel einer Umsatzrendite vor Steuern von 6,5 Prozent abgerückt. Mit "neutral" schätzt WestLB Panmure die Aktie ein, sieht aber dennoch ein kurzfristiges Potenzial von 55 bis 60 Euro. Von der IAA werden keine kursbewegenden Neuigkeiten erwartet.

BMW mit Premium-Bonus

Klasse statt Masse hat sich der BMW-Vorstand nach dem gescheiterten Ausflug zu Rover auf die Fahnen geschrieben. 800 000 Fahrzeuge liefen im Jahr 2000 vom Band der Münchner - mit hohen Margen und zur Freude der Aktionäre. Die neue 7er-Reihe sowie kleine Design-Veränderungen beim 3er-BMW sollen auf der IAA vorgestellt werden. Die erfreulich gelaufene BMW-Aktie (WKN 5109 000) findet bei Analysten dennoch ein unterschiedliches Echo. Lehman Brothers stuft das Papier als "strong buy" ein. Die Aktie werde derzeit am unteren Ende der Bewertungsskala gehandelt, obwohl die "Story" immer besser werde. Auch die SEB-Analysten legen Anlegern die Aktie ans Herz. Auf Sicht von zwölf Monaten sei ein Kurs von 47 Euro realistisch. Im Durchschnitt von 39 Analysten wird das Papier allerdings moderater mit "halten" eingestuft.

Porsche hält die Spitze

Positiver ist die Mehrzahl der Experten bei Porsche eingestellt. Obwohl die Aktie (WKN 693 773) mit aktuell rund 360 Euro so teuer wie die Karossen der Stuttgarter ist, wird das Papier von vielen Banken noch zum Kauf empfohlen. In Erwartung hervorragender Zahlen, die das Unternehmen an diesem Dienstag bekannt geben wird, stuft etwa Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) die Aktie als "add" ein. Der Gewinn nach Steuern werde wohl um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 277 Millionen Euro steigen. Auch die Hypo-Vereinsbank rät zum Kauf mit einem nach oben korrigierten Kursziel von 560 Euro. Der Grund: Porsche habe seine Modellpalette in der 911er-Serie verbessert. Zudem werde die Profitabilität nach der Einführung des Geländewagens Cayenne unterschätzt. Anleger sollten sich angesichts eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses von aktuell 21 aber über die Fallhöhe des Aktienkurses bewusst sein.

Baustelle Daimler-Chrysler

Die Fortschritte bei der Sanierung von Chrysler geben zumindest dem Aktienkurs (WKN 710 000) der Daimler-Chrysler AG keinen Antrieb. Probleme im Nutzfahrzeug-Geschäft und bei den Financial Services sowie die unsischere Zukunft der Beteiligungen an Mitsubishi oder der Luftfahrt-Tochter EADS haben das Papier seit Juli um rund 23 Prozent abrutschen lassen. Anleger können allerdings Hoffnung haben, dass die Negativ-Nachrichten inzwischen im Kurs enthalten sind. Sowohl für die NordLB als auch DKW ist die Aktie eine Halteposition. Credit Suisse First Boston traut Vorstandschef Jürgen Schrempp mehr zu: Schon Ende August rechneten die Analysten auf Sicht von einem Jahr damit, dass sich die Aktie um 20 Prozent besser als der Gesamtmarkt entwickeln werde.

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