Automobilmarkt : Die Braunen kommen

Lange galt die Farbe für Autos als unsexy. Warum die Hersteller jetzt auf Töne von Terra Bronze bis Schokolade setzen

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Vier Hersteller, ein Trend: Volkswagen bietet den Touareg, Porsche den Panamera, Mercedes den S 600 und BMW den X1 (von links oben nach rechts unten) in vielen Varianten von Braun. Die Farbe steht für Natur, Nachhaltigkeit und Wärme. Fotos: promo
Vier Hersteller, ein Trend: Volkswagen bietet den Touareg, Porsche den Panamera, Mercedes den S 600 und BMW den X1 (von links oben...

Berlin - Ruhige und zufriedene Autofahrer, so wird von Psychologen behauptet, fahren grüne Autos. Leider ist der Anteil grüner Wagen gering: Nur 1,6 Prozent machten sie unter den zugelassenen Wagen im Jahr 2009 aus. Doch jetzt gibt es Hoffnung, dass eine andere moralisch integre Gruppe das Rennen mit den als autoritär geltenden Schwarzfahrern (27,6 Prozent) aufnimmt: Braun, die Farbe der Ökos, ist der neueste Trend auf dem Automarkt. Um 40 Prozent erhöhte sich allein in diesem Juli der Anteil zugelassener Wagen in Schattierungen von Macadamia bis Mokka im Vergleich zum Vorjahresmonat, stellte das Kraftfahrtbundesamt fest. Keine andere Farbe kann einen solchen Zuwachs verzeichnen.

Dass die Un-Farbe zur In-Farbe wird, spiegelt „die gewachsene Bedeutung von Umweltthemen“ wider, vermutet Autolack-Hersteller BASF Coatings – nur seltsam, dass vor allem PS-starke CO2-Schleudern in Braun über die Straßen rollen: Weltweit wird der Porsche Cayenne derzeit am zweithäufigsten in Braun bestellt, der Panamera wird sogar in brauner Lackierung beworben. „Braun steht ein Stück weit für Natur, Nachhaltigkeit und Wärme“, erläutert Hermann-Josef Stappen von Porsche. Anscheinend lassen sich Autofahrer gerne etwas vormalen.

Aber ob eine Farbe zum Trend wird. liegt nicht allein an den Autoherstellern. Vielmehr sind sie sogar oft die Letzten, die Produkte in einer angesagten Farbe anbieten. „Autos hinken immer etwas hinterher, sind schwerfälliger, da es sich um extrem langlebige Produkte handelt, bei deren Investitionskosten man ungerne zu modisch sein möchte“, sagt Susanne Lengyel, Präsidentin des Verbands Deutscher Industriedesigner.

Foto: eb.andriuolo

Bevor Eva Höfli ihren Kollegen im Labor sagt, welche Farben angemischt werden sollen, geht sie erst einmal auf Recherche. Auf Messen schaut sich die Farbdesignerin bei BASF Coatings an, welche Farben bei Textilien, Möbeln und Designprodukten angesagt sind. Und tatsächlich: Klamotten in Khaki und Safari haben längst nicht nur Fashion-Victims im Kleiderschrank. Auch viele Möbelhersteller setzen auf warme Holztöne. Ein deutliches Signal für Höfli. Wie eine Modedesignerin entwirft sie nach solchen Recherchen eine Kollektion, nur eben aus Farben. Die Entwürfe stellt sie den Autoherstellern vor, bei speziellen Wünschen werden die Farben noch einmal weiterentwickelt.

Mehr als 40 verschiedene Farben haben beispielsweise die Designer bei Mercedes-Benz zur Auswahl, ständig wird diese Palette aktualisiert. Denn wie erfolgreich ein Modell ist, hängt nicht unerheblich von dem Farbangebot ab. „Neue Farben sorgen für frischen Wind und können in die Jahre gekommene Automodelle neu erscheinen lassen“, sagt Hans- Joachim Walitschek, Leiter Interieur Kreation Farbe & Material bei Mercedes- Benz. Es müssten aber immer neue Mischungen angeboten werden, weil auch die Farben einem Alterungsprozess unterliegen.

Und Braun war zuletzt deutlich in die Jahre gekommen. Noch bis Ende der 70er war Braun eine der gefragtesten Autofarben, knapp 136 000 Modelle waren 1980 in Braun zugelassen, in Schwarz rollten dagegen nur 31 500 Wagen über die Straßen, am beliebtesten war Rot mit knapp 536 000 Autos. Doch keine 20 Jahre später war Braun out: nur noch 2200 Autos wurden 2001 in dem Ton zugelassen.

Gab es in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts etwa keine motorisierten Ökos auf Deutschlands Straßen? Bei Mercedes-Benz will man von der Farbwahl des Fahrers weniger auf sein Verhalten schließen. „Es könnte Psychologie-Zusammenhänge geben, aber wir glauben, dass sich die Farbvorlieben eines Autokäufers im Laufe der Zeit ändern. Nach dem dritten blauen Auto wird sich jeder nach einer anderen Farbe sehnen“, sagt Walitschek.

Wenn nicht von ihren Eigenschaften, so lassen sich die Käufer zumindest von anderen Produkten und gesellschaftlichen Trends beeinflussen. Als plötzlich weiße Telefone, MP3-Player und Computer wie iPod und iMac in waren, mussten es auch weiße Autos sein. „Der Trend zu Weiß bei exklusiven Telekommunikationsgeräten hat uns vor etwa vier Jahren beflügelt, die eigentlich schon vergessene Farbe Weiß neu aufzugreifen“, sagt Walitschek.

Farb-Wahrnehmungen speichern sich im Unterbewusstsein, behauptet Christoph Peine von Volkswagen. „Durch bestimmte Wiederholungen entsteht ein gelerntes Bild und führt zu einer bewussten Farbentscheidung.“ Also, hat man braune Klamotten an, sitzt auf braunen Sofas, trinkt aus braunen Tassen, will man auch ein braunes Auto. Dennoch spielt auch der Wunsch nach Abwechslung eine Rolle. „Nach vielen kühlen Farbtönen werden vermehrt warme Farben gefordert“, sagt Mercedes-Mann Walitschek. Zudem darf der Nachbar ruhig merken, dass nebenan ein neues Auto steht. „Der Kunde schätzt Individualität, möchte aber nicht gleich in einen provokativen Farbbereich wie rot oder gelb wechseln“, sagt Sandra Hartmann aus dem Design Farben/Ausstattung der Audi AG. Zudem spielt die Form der Wagen eine Rolle. „Braun bildet eine interessante Spannung zur neuen akzentuierten Formsprache“, sagt Walitschek. Je kantiger die Autos, desto weicher sind demnach die Farben. Das Problem: So unsexy wie braun hört sich keine andere Autofarbe an. Die Hersteller sprechen deshalb lieber von Schattierungen in Topas, Terra Bronze oder Umbra Metallic, VW greift auf Schokolade, Karamell und Cappuccino zurück.

Doch selbst wenn den Käufern bei solchen Farben das Wasser im Mund zusammenlaufen soll – dominieren werden braune Wagen die Straße kaum. Am beliebtesten werden wohl graue beziehungsweise silberne Wagen bleiben. Annähernd 77 000 graue Autos wurden im Juli zugelassen, knapp dahinter liegen schwarze mit rund 73 000 Zulassungen. Dass diese Farben Spitzenreiter sind, liege einerseits daran, dass man für Fahrzeuge in Schwarz oder Silber einen höheren Wiederverkaufswert erziele, sagt Farbdesignerin Höfli. Ein weiterer Grund sei die Präsentation in den Autohäusern. „Oftmals werden dem Kunden nur schwarze und silberne Autos gezeigt. Dadurch fehlt dem Käufer der Mut, sich für etwas zu entscheiden, was er zuvor nicht in Originalausführung zu sehen bekommen hat“, erklärt Höfli.

Hoffnung darauf, dass sich unter die angeblich autoritären Schwarzfahrer bald wieder Autofahrer mischen, die als ruhig und zufrieden gelten, gibt es übrigens nicht. Bei Mercedes-Benz heißt es: „Grün ist derzeit kein Thema.“

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