Automobilzulieferer : Schaeffler-Chef muss gehen

Maria-Elisabeth Schaeffler feuert nach 15 Jahren den Vorstandsvorsitzenden Jürgen Geißinger. Er soll ihr zu mächtig geworden sein.

K. Tscharnke,E. Richter
Getrennt. Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg (links) haben Vorstandschef Jürgen Geißinger nach 15 Jahren gefeuert.
Getrennt. Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg (links) haben Vorstandschef Jürgen Geißinger nach 15 Jahren gefeuert.Foto: picture alliance / dpa

Herzogenaurach - Es war ein Aus mit Ansage. Bereits seit Wochen hatten Gerüchte die Runde gemacht, der Autozulieferer Schaeffler werde sich demnächst von seinem Chef Jürgen Geißinger trennen. Am Freitag schließlich sorgte der Aufsichtsrat für ein Ende der Irritationen: Mit einem klaren Beschluss machten die Kontrolleure deutlich, dass die Tage des 54 Jahre alten Managers an der Spitze des fränkischen Familienkonzerns gezählt sind. Schon vom kommenden Montag an wird sein Schreibtisch in der Herzogenauracher Zentrale verwaist sein. Geißingers Job übernimmt vorübergehend Finanzvorstand Klaus Rosenfeld.

Dabei hatten manche Aufsichtsratsmitglieder Geißinger wenigstens noch bis zum Auslaufen seines Vertrags Ende 2014 halten wollen. Sie mussten sich aber offensichtlich der Übermacht von Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler und ihrem Sohn Georg beugen. Denn die hatte klargemacht, dass für sie eine weitere Zusammenarbeit mit dem Schwaben schwer vorstellbar wäre. Auch wenn die Eignerin Geißinger vor 15 Jahren persönlich nach Herzogenaurach geholt hatte – der Vertrauensvorschuss war aufgebracht, berichteten Firmen-Insider am Freitag. Geißinger sei Mutter und Sohn zu mächtig geworden.

Dass es am Ende schneller ging, als sich Maria-Elisabeth Schaeffler das Ganze vielleicht vorgestellt hatte, lag wohl auch an dem öffentlichen Druck. Der war entstanden, nachdem ihr schwieriges Verhältnis zu Geißinger vor ein paar Monaten publik geworden war. In einem am Freitag veröffentlichten Brief an die Belegschaft heißt es: „Aufgrund gezielter Indiskretionen in der Presse, die nicht von uns zu verantworten sind, mussten wir früher als geplant handeln.“

Für viele kommt Geißingers Rücktritt eigentlich zur Unzeit. Sie hätten ihn eher in den zurückliegenden Krisenjahren des Unternehmens als heute erwartet. Denn inzwischen präsentiert sich die Schaeffler-Gruppe wieder solide und aufgeräumt. Unvergessen ist auch, dass es Geißinger war, der Schaeffler zu dem Unternehmen gemacht hat, das es heute ist. In den 15 Jahren der Ära Geißinger wuchs der Umsatz von einst zwei auf inzwischen elf Milliarden Euro. Der Manager formte Schaeffler von einem einfachen Zulieferunternehmen zum Lieferanten ganzer Automobilsysteme. Umstritten ist allerdings seine ehrgeizige Expansionsstrategie.

Nachdem die Franken 1999 den Kupplungshersteller LuK übernommen hatten, boxte Geißinger zwei Jahre später die erste erfolgreiche feindliche Übernahme durch ein privat geführtes deutsches Unternehmen durch: In einem wochenlangen Machtkampf schluckte der damals noch als „INA“ firmierende Konzern den konkurrierenden Wälzlagerhersteller FAG Kugelfischer aus Schweinfurt. Für die Art und Weise erntete Geißinger harsche Kritik – hatten sich die Franken doch schon vor dem offiziellen Angebot 18 Prozent der Anteile am Rivalen gesichert. Doch letztlich war die Attacke erfolgreich – eine Erfahrung, die auch beim Angriff auf den dreimal größeren Dax-Konzern Continental eine Rolle spielte. Auch dort sicherte sich Schaeffler direkt und über Finanzderivate schon vor dem öffentlichen Angebot den Zugriff auf große Aktienpakete.

Der damalige Conti-Boss Manfred Wennemer tobte, Schaefflers Vorgehen sei „egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“; die Spielregeln der Transparenz und Ehrlichkeit seien verletzt worden. Zwar ging der als knallharter Verhandler gefürchtete Geißinger als Sieger hervor. Doch der Preis war hoch: Weil just während der Angebotsphase im Herbst 2008 die US- Bank Lehman Brothers pleiteging und damit ein Beben an den Finanzmärkten auslöste, boten unerwartet viele Aktionäre von Conti ihre Papiere Schaeffler an. Am Ende saßen die Franken direkt auf knapp 50 und indirekt auf weiteren 40 Prozent der Anteile – und mussten dafür elf Milliarden Euro Schulden machen. Inzwischen hat Schaeffler einen Teil der Verbindlichkeiten umschichten und abbauen können. dpa

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