Autotest : Im Kleinwagen Nano über die Straßen vom Mumbai

Platz verteidigt, Kollision vermieden: Erkenntnisse über das billigste Auto der Welt und die indische Gesellschaft.

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Winzling vor Palmen: Mit dem Tata Nano (l.) von gerade einmal gut drei Metern Länge für nur 100.000 Rupien (damals umgerechnet rund 1500 Euro) schockierte der indische Industrielle Ratan Tata weltweit die Autohersteller, die nichts Derartiges zu bieten hatten.Alle Bilder anzeigen
Alle Fotos: Ingrid Müller
12.03.2012 11:11Winzling vor Palmen: Mit dem Tata Nano (l.) von gerade einmal gut drei Metern Länge für nur 100.000 Rupien (damals umgerechnet...

Kaum berührt die weiße Stupsnase den freien Flecken am Straßenrand, ist der junge Mann schon zur Stelle. Kein Schild weist auf sein Geschäft hin, aber der Inder verdient auf diesen Metern in der Megametropole Mumbai sein Geld. 65 Rupien fordert er sofort. Umgerechnet ein Euro Parkgebühr ist nicht eben billig, beginnt doch die viel gepriesene wachsende Mittelschicht des riesigen Landes bei einem Monatseinkommen von 250 bis 300 Euro. Also nicht lange überlegen, ob es wirklich eine gute Idee ist, den Moloch Mumbai – das frühere Bombay – und seinen Irrsinnsverkehr in dieser kleinen Schüssel namens Nano zu erkunden. Schnell rein in den Flitzer – Achtung, Linksverkehr! –, den ersten der vier Gänge rein und los.

Jungfräulich weiß schiebt sich eines der wohl bekanntesten Autos der Welt ins Vormittagsgedränge. Aber wo kommen denn diese Kühe her? Lassen wir die fünf erst mal in Ruhe vorbeitrotten. Irgendwie kennt ihn jeder, den Tata Nano, das bisher billigste Auto der Welt. Es erinnert an Twingo und Smart, zierte nach der Vorstellung 2008 weltweit die Titelseiten, doch in Europa ist er bis heute nicht zu haben. Mit dem frechen Auto von gerade einmal gut drei Metern Länge für nur 100 000 Rupien (damals umgerechnet rund 1500 Euro) schockierte der indische Industrielle Ratan Tata weltweit die Autohersteller, die nichts Derartiges zu bieten hatten. Tata wollte mit dem Auto für ärmere Familien den Verkehr revolutionieren. Sie sollten sich nicht mehr auf zwei Rädern durch den Monsun quälen – Sohnemann auf dem Tank, Papa mit Helm am Lenker, Baby in der Mitte und Mama hintendrauf. Auch viele Deutsche wünschten sich so ein günstiges kleines Auto. Nach mehreren Ankündigungen, die nicht eingehalten wurden, antwortet Tata Motors im Moment allerdings nicht auf die Frage, wann der Winzling nach Deutschland kommen soll.

Großstadtverkehr. Um vorwärtszukommen geht es vor allem darum, keine Lücke zum Vordermann entstehen zu lassen – sonst drängelt sich gleich ein anderer hinein.
Großstadtverkehr. Um vorwärtszukommen geht es vor allem darum, keine Lücke zum Vordermann entstehen zu lassen – sonst drängelt...

Wie auf einem kleinen Thron sitzt es sich auf dem schmalen beige-weiß getupften Fahrersitz. Erstaunlich viel Platz gibt es drinnen, zur Seite wie in der Höhe, vorne und auch für die beiden Passagiere hinten. Indische Familien würden vermutlich mehr Leute reinpacken, schließlich sind auch in Dreiradrikschas schon mal 20 Menschen unterwegs. Zu viel Gepäck sollten sie so oder so nicht dabei haben. Der Kofferraum ist mit 80 Litern verdammt klein, nur mit umgelegter Rückbank kommt man auf 500 Liter. Die meisten Taxen haben auch nicht mehr Platz, sie transportieren das Gepäck auf dem Dachträger. Den gibt es für den Nano aber nicht.

Ein Hauch von Luxus weht durch den Testwagen. Die LX-Version hat zwei Getränkedosenhalter, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Ablagen in allem vier Türen und eine kräftige Klimaanlage. Ein Segen bei 33 Grad und all dem Staub da draußen in der Luft der Stadt. Was aber mag die Spritanzeige dazu sagen? An der Tankstelle verlangen sie aktuell umgerechnet 1,07 Euro pro Liter. Tata wirbt für den Nano mit den besten CO2-Werten eines Benziners in ganz Indien und rund vier Litern Verbrauch. Aber unter den Besitzern gilt der Zwerg nicht als Super-Ökomobil, denn im Stadtverkehr ist er durstiger.

Doch für langes Sinnieren ist in Mumbais Verkehr keine Zeit. Eine Hand am kleinen Lenkrad, eine am langen Schaltknüppel – und immer bereit, sofort zur Hupe mitten auf dem Lenkrad zu wechseln, das eindeutig wichtigste Teil des Autos. Vorbei an Münze und Stadthalle geht es zum belebten Wellington Circle, wo sich der Verkehr in alle Himmelsrichtungen verteilt. Warum in aller Welt fahren sie hier weiter, obwohl die Ampel Rot zeigt? Bloß nicht halten!

Mist, die erste Untiefe. Wenigstens nehmen die Mini-Räder auch das dicke Schlagloch nicht krumm. Ziemlich rasch ist klar, warum sich alles in der Mitte der Straße drängt: rechts will ständig wer abbiegen, dahinter ist Stau programmiert, links hält ständig wer unvermittelt an, Stau auch da. Transporter blockieren meist gleich zwei Spuren. Immerhin: Hartnäckiges Hupen hilft – auf jedem bunt lackierten Laster steht es sowieso drauf: „Horn please“. Mit der Mitte der Straße ist das allerdings so eine Sache, denn meist gibt es keine markierten Spuren. Um vorwärtszukommen geht es ohnehin vor allem darum, keine Lücke zum Vordermann entstehen zu lassen und jede sich bietende Lücke sofort zu besetzen. Was soll’s, wenn das dann irgendwo zwischen den wohl eigentlich mal geplanten Spuren ist. Das oberste Gebot aber ist: Ganz schnell alles verdrängen, was man je über Sicherheitsabstand gelernt hat, sonst ist man hier verloren. Einzige Alternative: gar nicht erst starten. Was bildet sich bloß dieser vorwitzige 7er BMW ein, der sich am Marine Drive vor einen quetschen will (ja, auch die gibt es hier)? Kommt ja gar nicht infrage. Ein scharfer Blick vom hohen Sitz durchs große Fenster – und kräftig hupen. Platz verteidigt, Kollision vermieden.

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