Autoversicherer : Zuschlag für Brennbezirke

Viele Autoversicherer wollen künftig genauer wissen, wo der Kunde wohnt – das kann teuer werden.

Henrik Mortsiefer
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Berlin - Der Wohnbezirk, die Straße oder sogar die Hausnummer eines Versicherungskunden fallen künftig bei der Prämienberechnung für die Autoversicherung deutlich stärker ins Gewicht. Immer mehr Anbieter – darunter die Marktführer Allianz, Huk-Coburg oder DEVK – teilen ihre Kunden nicht mehr nur nach den grobmaschigen Regionalklassen ein, sondern differenzieren „postleitzahlenscharf“, wie das Vergleichsportal Toptarif in einer Übersicht zeigt, die dem Tagesspiegel vorliegt. Die Folge: In Städten und Ballungsräumen wie Berlin können sich für Verbraucher erhebliche Preisunterschiede ergeben – in derselben Straße oder an Bezirksgrenzen.

Die vom Gesamtverband der Versicherer anhand der 418 Kfz-Zulassungbezirke bundesweit festgelegten Regionalklassen „gehen den Versicherern nicht weit genug“, sagte Daniel Friedheim vom Vergleichsportal Check 24. Um die Risiken bei der Regulierung von Kfz-Schäden besser kalkulieren zu können, rechneten die Unternehmen nun genauer.

Hintergrund ist der Preiskampf, der sich für viele Versicherer zum Verlustgeschäft entwickelt. Mit einer stärkeren Differenzierung der Kunden, die über die Regional- und Typklassen hinaus weitere individuelle Lebensumstände berücksichtigt, lassen sich „gute“ und „schlechte Risiken“ besser verrechnen.

„Einige Anbieter wie Directline tun dies schon länger, viele andere ziehen jetzt nach“, sagte Daniel Dodt von Toptarif zu den neuen regionalen Rechenformeln. 24 Versicherer seien schon zu der Regelung gewechselt. „Die Anbieter haben erkannt, dass es nicht nur in Städten wie Berlin Brennbezirke gibt, in denen zum Beispiel Luxusautos abgefackelt werden“, heißt es bei Toptarif. Bei der Risikoeinstufung gehen die Anbieter allerdings völlig unterschiedlich vor. Ein Beispiel hat Check 24 für die Landsberger Allee ausgerechnet, die sich in Berlin auf einer Länge von 2,6 Kilometern über fünf Postleitzahlenbereiche erstreckt. Bei Directline steigt die Prämie für einen Kfz-Versicherten, je weiter stadtauswärts er in der Straße wohnt (Preisunterschied: 14 Euro), beim Versicherer Europa ist es genau umgekehrt (9,62 Euro). Toptarif hat die Tarife für ganz Berlin verglichen und die größten Unterschiede bei der Huk-Coburg und Directline gefunden (siehe Grafik). So zahlt ein Versicherter bei sonst gleichen Voraussetzungen in Friedrichshain-Kreuzberg bei der Huk-Coburg 53 Euro mehr als in Mitte. Bei Directline ist es in Mitte ein Euro weniger als im benachbarten Kreuzberg.

Auch die Risikobewertung der Stadtteile fällt unterschiedlich aus. Während Directline beide gleich „teuer“ einstuft, also ein ähnlich hohes Schadensaufkommen erwartet, wird Mitte von der Huk-Coburg als „günstiger“ Stadtteil mit wenigen Schäden kalkuliert.

Wie die Autoversicherer rechnen und welche Kundenmerkmale sie wie stark gewichten, bleibt ihr Geheimnis. „Wir arbeiten mit vielen Tarifmerkmalen“, sagte ein Sprecher der Allianz auf Nachfrage. „Auch Coca-Cola verrät ja nicht, welche Inhaltsstoffe sie verwenden.“ Dies sei „Versicherungsmathematik in der Blackbox“, kritisiert Check-24-Sprecher Friedheim. Seine Empfehlung – auch in eigener Sache: Preise und Leistungen der Versicherer vergleichen und notfalls den Anbieter bis zum 30. November wechseln.

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