Azubis im Ausland : Auf der Walz

In der Ausbildung die Welt zu bereisen, das hat bei Zimmerern lange Tradition. Heute gehen auch immer mehr Lehrlinge aus anderen Berufsbereichen ins Ausland. Was möglich ist.

Marie Blöcher
In die Ferne ziehen. Dort lernen die Berufseinsteiger neue Arbeitsmethoden kennen, neue Menschen, neue Orte.
In die Ferne ziehen. Dort lernen die Berufseinsteiger neue Arbeitsmethoden kennen, neue Menschen, neue Orte.Foto: A. Heimken/dpa

Für Emre Yildirim ging damit ein lang geplantes Vorhaben in Erfüllung. Während seiner Ausbildung zum Erzieher hat Emre ein sechsmonatiges Praktikum in einer Kindertagesstätte in Izmir in der Türkei gemacht. „Vor allem der Wunsch, meine türkischen Sprachkenntnisse zu verbessern, hat mich auf die Idee gebracht“, erinnert er sich heute. Außerdem fand er den Gedanken spannend, eine Zeit in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten.

Ein Auslandsaufenthalt während der Ausbildung – das geht ganz unabhängig davon, ob Jugendliche eine schulische oder duale Ausbildung absolvieren. Während einer dualen Ausbildung machen Azubis meist ein Praktikum in einem Betrieb im Ausland, erklärt Tamara Moll vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Das Monatsgehalt geht weiter aufs Konto

Dabei bleibt das Ausbildungsverhältnis zum Betrieb in Deutschland bestehen. Auch die Vergütung zahlt der Arbeitgeber weiter an den Azubi. Bei schulischen Ausbildungen gehören oft sowieso mehrere Praktika zu einer Ausbildung, sodass man eines davon im Ausland absolvieren kann.

Wichtig ist, den Aufenthalt in der Ferne möglichst frühzeitig abzustimmen. Grundsätzlich ist es möglich, bis zu einem Viertel der gesamten Ausbildungszeit im Ausland zu verbringen. Die meisten Azubis gehen allerdings für einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen ins Ausland, erläutert Moll. Die Berufsschule organisiert in vielen Fällen den Auslandsaufenthalt und stellt den Azubi in dieser Zeit frei.

Manche Branchen sind bei Auslandsaufenthalten besonders aktiv: „In der Logistik, der Industrie, dem Groß- und Außenhandel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe ist ein Auslandsaufenthalt am häufigsten“, erläutert Berthold Hübers von der Nationalen Agentur Bildung für Europa. Doch auch im Handwerk und ebenso in den sozialen Berufen werden Auslandsaufenthalte, die an die Ausbildung gekoppelt sind, beliebter.

Für Emre war das Praktikum in der Kindertagesstätte in Izmir sein drittes: In Deutschland hatte er schon in einer Kindertagesstätte und in einer Grundschule Praxiserfahrung gesammelt. Die Zeit, die er in der Türkei verbracht hat, war trotzdem eine ganz neue Situation für ihn. „Klar habe ich mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht“, erzählt er.

Welches Land macht Sinn?

Nachdem er die Zusage aus der Kindertagesstätte und einen Platz in einem Studentenwohnheim vor Ort gefunden hatte, blieben noch viele Fragen offen. „Ich habe mich vor allem gefragt, was mich genau erwartet, wie mein Alltag dort aussieht und ob ich schnell Kontakte knüpfen würde“, erzählt er.

In jedem Fall sollte man sich früh über die eigenen Erwartungen Gedanken machen, rät Moll. „Welches Land das passende sein könnte und welche persönlichen und beruflichen Ziele man an den Aufenthalt knüpft – diese Fragen sollten ganz am Anfang der Planung stehen.“

Bei der Finanzierung gibt es einige Hilfen für Azubis: Gut jeder dritte Aufenthalt wird von Unternehmen selbst bezahlt. Jeder zweite wird durch das Programm Erasmus gefördert, und etwa jeder 20. Azubi nutzt das Angebot des Deutsch-Französischen Sekretariats. Jugendliche sollten im Betrieb oder in der Berufsschule danach fragen. Daneben gibt es Stipendien und Angebote für Azubis aus bestimmten Branchen und für bestimmte Zielländer. Man findet sie etwa in der Datenbank der IBS-Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung (http://bit.ly/29jZ8DM). Wichtige Informationen gibt es dazu auch im Handbuch zum Auslandsaufenthalt (http://bit.ly/29kbwzu).

Neben einem individuellen Aufenthalt gibt es zum Beispiel auch die Möglichkeit, eine Gruppenreise zu machen – dabei verbringen mehrere Auszubildende ihren Aufenthalt in Betrieben, die nah beieinander liegen. Das habe den Vorteil, dass man sich bei Alltagsfragen gegenseitig unterstützen kann, erklärt Moll. Hilfe bei der Planung finden Auszubildende zum Beispiel bei der für sie zuständigen Kammer.

Nur 4,5 Prozent der Azubis gehen ins Ausland

Derzeit gehen in jedem Jahr mehr als 30 000 Auszubildende im Rahmen der Lehre ins Ausland. Damit haben ungefähr 4,5 Prozent der Auszubildenden in Deutschland am Ende ihrer Berufsausbildung einen Auslandsaufenthalt absolviert, sagt Hübers.

Für viele Auszubildende ist der Blick auf den Arbeitsmarkt eine Motivation für den Auslandsaufenthalt. „Die Azubis wissen, dass sie mit Auslandserfahrungen für spätere Arbeitgeber attraktiv sind“, erklärt Hübers. Noch viel wichtiger sind vielen Teilnehmern aber die persönlichen Erfahrungen: „Fremdsprachen zu erlernen und ein neues kulturelles Umfeld kennenzulernen, motiviert viele Azubis, ins Ausland zu gehen.“

Die Zeit im Ausland ist prägend, meint Hübers. „Oft hören wir von Betrieben, dass sie ihre Auszubildenden als Jugendliche ins Ausland geschickt haben – und sie als Erwachsene zurückgekommen sind.“

Das Praktikum im Ausland habe ihn positiv verändert, sagt Emre. „Durch die neue Situation, durch die Sprache und durch die Kultur habe ich ganz neue Eindrücke gewonnen – das hat mich noch offener gemacht.“

Für seine Arbeit als Erzieher ist das besonders hilfreich. Doch nicht nur in seinem Beruf ist ein Auslandsaufenthalt ein Gewinn, ist sich Emre sicher. „Eine Zeit lang in einem anderen Land zu leben und eine andere Kultur kennenzulernen, das bringt jeden weiter.“ dpa

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