Wirtschaft : B2B: Marktplätze im Netz: Interview: "Im Silicon Valley lacht man nur noch über E-Commerce"

Herr Hünnekens[gibt man im Silicon Valley In]

Wolfgang Hünnekens leitet das Berliner Institut für Electronic Business. Zurzeit knüpft er im Silicon Valley Kontakte zu Unternehmen und Wissenschaflern.

Herr Hünnekens, gibt man im Silicon Valley Internet-Marktplätzen noch eine Zukunft?

Im Silicon Valley will man im Moment den Begriff Internet-Marktplatz gar nicht hören. Hier lacht man nur noch über E-Commerce und Internet.

Dann anders: Was halten die Internet-Pioniere denn von den B2B-Plattformen?

B2B ist das, was nach dem Absturz der Dotcoms noch übrig geblieben ist. Diese Plattformen, auf denen ausschließlich Unternehmen zusammen kommen, wecken immer noch die größten Hoffnungen, weil sie die einzigen sind, die wirklich funktionieren. B2B zeigt, was E-Business eigentlich bedeutet. Anders als die Business-to-Consumer-Plattformen ist B2B nie in den Strudel des Börsen-Hypes geraten, sondern von kleinen, mittleren und großen Unternehmen solide aufgebaut und weiterentwickelt worden.

Tragfähig sind bisher aber vor allem die exklusiven Netze zwischen einzelnen Unternehmen. Warum scheitern die öffentlichen Marktplätze im Internet, wo sich viele Anbieter und Nachfrager treffen?

Weil die Technologie noch nicht weit genug und zu teuer ist. In offenen Systemen müssen die internen Netze verschiedener Marktteilnehmer synchronisiert werden. Das funktioniert heute nur mit großer Verzögerung und kostet viel Geld. Das lohnt sich für viele Unternehmen einfach nicht.

Werden die frei zugänglichen Auktions- und Handelsplattformen von den internen B2B-Netzen ersetzt?

Das ist schwer zu beurteilen. Es ist bisher eine Technologie entwickelt worden, die nur in ihren Grundzügen vorliegt. Mehr ist es nicht. Ich vergleiche das gerne mit der Entwicklung des Automobils. Die vorhandene E-Commerce-Technik gleicht dem ersten Ford von 1924. Bis wir einen Porsche haben, wird noch viel Zeit vergehen.

Und wer verdient schon im E-Commerce?

Im Silicon Valley verdienen im Moment die Internet-Auktionshäuser am meisten, die die Überreste der Dotcoms versteigern. Aber im Ernst: Die einzigen, die mit E-Commerce im Internet wirklich schon Geld verdienen, sind die, die bei der Erstellung ihrer Produkte und Dienstleistungen Geld sparen. Versicherungen zum Beispiel, oder die Banken, die nach und nach auf teure Filialen verzichten, um online auf die Kunden zuzugehen.

Dann werden sich die Investitionen der Konzerne in ihre E-Business-Netze auszahlen?

Mit Sicherheit. Ich weiß es von Siemens, wo in Supply Chain Management und E-Procurement investiert wird. Das wird sicherlich in einigen Jahren großen Erfolg haben. Vor allem dann, wenn auch die Konsumenten in das Netzwerk einbezogen werden.

Welche Chancen haben die Mittelständler?

Den kleinen und mittleren Unternehmen fehlt noch das Geld, um die Technologie selbst aufzubauen. Im Silicon Valley wird unter Mittelständler zurzeit die Losung gehandelt "Be an early adopter" - Sei nicht der erste Anwender und auch nicht der Erfinder einer neuen Technologie. Das ist der richtige Ansatz. Die Kleinen lernen aus den Erfahrungen der Großen, indem sie nicht von vorne anfangen, sondern eine ausgereifte Technologie einsetzen. Es sind viele kleine E-Commerce-Unternehmen gescheitert, weil ihre Investoren zwar genug Kapital hatten, um ständig neue Technologien auszuprobieren, aber kein Geld damit verdient haben.

Was können die Großkonzerne von den Pleiten der Dotcoms lernen? Die Großen der Old Economy werden vor allem von den soliden Kleinen lernen, indem sie sich an Entwicklern und B2B-Zulieferer beteiligen. Eine wirklich neue Vision wird in einigen Jahren entstehen, wenn einerseits die Konzerne mit effizienteren und kürzeren Wertschöpfungsketten Kosten senken können und andererseits die Konsumenten in das E-Business-Netz eingebunden sind.

Das Berliner Institut of Electronic Business, das sie vor zwei Jahren gegründet haben, soll ein Think-Tank für die elektronische Wirtschaft werden. Brauchen die Unternehmen Nachhilfe?

Die Unternehmen müssen sich vor allem vom Prinzip des Trial and Error verabschieden und mit dem Nachdenken anfangen. Und das funktioniert am besten gemeinsam mit Wissenschaftlern, die man vorher auf den Boden der Realität geholt und auch finanziert hat. Ich habe mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass dies im Silicon Valley nicht geschehen ist. Wir werden in Deutschland erstmals in Berlin im Rahmen eines Studiengangs darüber nachdenken, wie Unternehmen auf elektronischen Plattformen in einen Dialog treten und damit Geld verdienen können.

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