BA-Regiochef Wagon : "Bedrückend hohe Jugendarbeitslosigkeit"

Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin sinkt. Doch Dieter Wagons Freude ist getrübt. Mit dem Tagesspiegel spricht der Chef der regionalen Arbeitsagentur über Azubis, Langzeiterwerbslose und Zugezogene.

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Eigentlich müsste jeder Jugendliche einen Ausbildungsplatz finden können.
Eigentlich müsste jeder Jugendliche einen Ausbildungsplatz finden können.Foto: dpa

Herr Wagon, die Arbeitslosenquote in Berlin ist höher als in jedem anderen Bundesland. Warum ist das so?

Wir haben in Berlin einen sehr verfestigten Block von Langzeitarbeitslosen. Über gezielte Angebote wollen wir erreichen, dass wir mehr von ihnen helfen, in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu kommen. Deshalb haben wir die Vermittlungsleistung erhöht.

Sie sprechen die Job-Offensive an, die es seit einem Jahr gibt. Können Sie schon eine Zwischenbilanz ziehen?

Wir wollten im ersten Jahr mithilfe der 350 neu eingestellten Vermittler 10 000 Menschen zusätzlich in Arbeit vermitteln. Kurz vor Ablauf dieses Zeitraums stehen wir bei 13 800. Weil das Programm erfolgreich ist, wollen wir es verstetigen – und nach Möglichkeit auch auf Brandenburg ausdehnen.

Der Abbau der Jugendarbeitslosigkeit funktioniert nicht so gut.

Wir haben in Berlin die höchste Jugendarbeitslosigkeit bundesweit. Das ist für mich bedrückend. Dass sie im Juni gestiegen ist, liegt vor allem daran, dass viele ihre Ausbildung beendet haben. Leider haben wir immer einen Anteil, der nicht von den Betrieben übernommen wird. Das ist eine für mich nicht nachvollziehbare Haltung von Unternehmen.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Rechnen Sie damit, dass die Jugendarbeitslosigkeit im August sinkt.

Es wird wohl eher im September und Oktober spürbar. Das sind auch traditionell die Monate, in den die jungen Menschen einen Job finden.

In Kürze soll das Programm „Berlin Arbeit“ in den Senat kommen, mit dem Rot-Schwarz die Situation will. Was erwarten Sie?

Wir erwarten unter anderem, dass der Senat den Anteil junger Menschen ohne Schulabschluss reduziert. In Berlin sind das jährlich zehn Prozent der Absolventen. Das ist nicht akzeptabel. In der Schule müssen gute Grundlagen für den späteren Berufsweg gelegt werden. Und zwar für die ganze Breite der 350 Berufe, die das duale Ausbildungssystem zu bieten hat.

In Berlin werden überdurchschnittlich viele neue Stellen geschaffen. Die Arbeitslosenquote sinkt, aber nicht signifikant. Schnappen die Zuziehenden den Berliner die Jobs weg?

Man kann es nicht pauschal so formulieren. Was richtig ist: Es werden hoch qualifizierte Mitarbeiter in Berlin gebraucht. Und da passt die Struktur der Arbeitslosen in dieser Stadt nicht immer.

Der hohe Sockel resultiert daraus, dass in dieser Stadt zu viele schlecht ausgebildete Menschen leben?

Wir haben einen zu hohen Anteil von nicht-qualifizierten Arbeitslosen. Der Anteil der Arbeitslosen in der Grundsicherung - also Hartz IV - ohne Ausbildung liegt bei fast zwei Drittel. Das ist ein Block, der so nicht vertretbar ist.

Unmittelbar vor den Toren der Stadt ist die Arbeitslosigkeit teils deutlich geringer. Ärgert es Sie, dass Berlin und Brandenburg keine gemeinsame Politik auf diesem Feld betreiben?

Berlin-Brandenburg ist eine Wirtschaftsregion. Da kann man keinen Schnitt an der Stadtgrenze machen. Wir müssen beispielsweise mehr Berlinern die Chance geben in Brandenburg eine Ausbildung zu machen, weil es auch dort attraktive Lehrstellen gibt.

 

Sie sprechen sehr gerne von Auszubildenden. Wie wollen sie andere Arbeitnehmer dazu bringen, sich aus Berlin zum Beispiel zu Rolls-Royce in Dahlewitz bewerben?

 

Das ist durchaus möglich. Wenn wir Berliner Kunden ein Angebot in Dahlewitz machen, ist das für jemanden, der Arbeit sucht, sehr wohl zumutbar. Und wir sehen auch eine Bereitschaft arbeitsloser Menschen, sich zu bewegen. Allerdings gebe ich zu, dass die oft niedrigeren Tariflöhne in Brandenburg nicht für jeden motivierend sein dürften, dort zu arbeiten.



Wie lange wird es dauern, bis Berlin eine Arbeitslosenquote hat, die dem Bundesdurchschnitt entspricht?

Berlin unternimmt derzeit große Anstrengungen, um Betriebe anzusiedeln. Die Tendenz am ersten Arbeitsmarkt ist positiv. Aber eine seriöse Aussage darüber, wann diese Anstrengungen Früchte tragen, die die Arbeitslosigkeit derart senken, lässt sich nicht treffen.

Das Gespräch führten Simon Frost und Gerd Nowakowski.

Dieter Wagon ist seit März 2012 Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit Berlin- Brandenburg. Zuvor arbeitete der 60-Jährige in der Zentrale in Nürnberg.

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