Wirtschaft : Bärchenwurst und Kinderketchup

Mit Nahrungsmitteln speziell für die Kleinen verdienen die Konzerne gut – dabei ist der gesundheitliche Nutzen umstritten

Yasmin El-Sharif

Berlin - Samstags im Supermarkt beim Großeinkauf. Bärengesichter blicken aus dem Kühlregal, daneben streckt eine Giraffe ihren langen Hals aus einer Käsepackung. Drei Regalreihen weiter brüllt ein Löwe auf einer Müslischachtel, und die Ketchupflasche sieht aus wie ein kleines Männchen. Kinder sind schon längst zur eigenen Kundengruppe geworden. Aber der Markt wächst unaufhörlich weiter.

Die Zahl der Lebensmittel, die speziell für Kinder kreiert werden, ist in den vergangenen vier Jahren etwa um die Hälfte gestiegen, seit 1997 hat sie sich sogar verfünffacht. Das hat das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund herausgefunden. Eine neue Entwicklung ist auch, dass Kinder nicht mehr nur mit Süßigkeiten gelockt werden sollen. Die sind zwar nach wie vor angesagt, denn immerhin geben laut Umfragen die 7- bis12-Jährigen mehr als 50 Prozent ihres Taschengeldes für Bonbons aus. Aber ihre Eltern achten aufgrund zahlreicher Kampagnen immer mehr auf gesunde Lebensmittel.

Die Industrie setzt inzwischen auf andere Nahrungsmittel für Kinder wie Fleischwaren, Käse oder Getreideflocken. „Sie verfolgt dabei zwei Strategien“, sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung. Als Erstes müssten Hersteller die Kinderherzen erobern. Das machen sie, indem sie die Lebensmittel zu Tierfiguren formen, sie in eine auffällige Verpackung stecken oder Spiele als Beigaben dazutun. Zum anderen müssten die Eltern geködert werden. „Das zu erreichen, ist relativ einfach, nämlich dann, wenn die Verpackung Gesundes verspricht“, so Kersting. Mit Calcium angereicherte Wurst, kalorienreduzierter Käse oder vitaminstrotzende Getreideprodukte sind für viele Eltern ein ausschlaggebendes Kaufargument.

Die Lebensmittelhersteller müssen sich aber nicht nur auf ein steigendes Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher einstellen. Auch die demografische Entwicklung spielt eine immer größere Rolle. Die Kinderzahl in Deutschland geht immer weiter zurück. Im Schnitt bringt jede Frau in Deutschland nur noch 1,36 Babys zur Welt. Die ein bis zwei Kinder, auf die es mittlerweile pro Familie hinausläuft, werden dadurch noch wertvoller für ihre Eltern. „Kinder werden zu einem knappen Gut“, sagt auch Ingo Barlovic vom Marktforschungsunternehmen IconKids & Youth. „Sie werden zu etwas ganz Besonderem, und das macht den Markt für sie noch hochwertiger.“

Die herausgehobene Rolle hat die Industrie bereits erkannt. Mit beliebten Comicfiguren wie Bob, der Baumeister, oder Micky Maus buhlt sie um die Aufmerksamkeit der Kinder. Dafür ist sie auch bereit, hohe Lizenzgebühren zu zahlen, wie das beispielsweise beim Wursthersteller Gutfried der Fall ist.

In diesem Jahr bringt er bereits sein siebtes Produkt aus der Reihe Gutfried Junior heraus, die mit Figuren von Janosch wirbt. Der Hersteller hüllt sich in Schweigen, wenn es um die Höhe der Janosch-Lizenzgebühr geht, aber immerhin erfährt man etwas über die Erwartung an die Marke: „In fast jedem Haushalt gibt es irgendeinen Gegenstand von Janosch. Nicht nur die Kleinen, auch die Großen können durch ihre Kindheit etwas mit Janosch verbinden. Wir sprechen mit unseren Produkten also nicht nur die Vernunft an, sondern auch die Emotionalität, und davon profitieren wir,“ sagt Marion Balaster von Gutfried.

Ein separater Internetauftritt von Gutfried Junior mit Spielen und einfachen Rezepten soll die junge Käuferschicht zusätzlich an die Marke binden. Mit dieser Strategie steht Gutfried nicht allein da. Auch die Fleischwarenfabrik Stockmeyer hat für ihre Kindermarke Ferdi Fuchs einen eigenen Internetauftritt gestaltet.

Für die beworbenen Produkte sind die Eltern bereit, einen viel höheren Preis zu zahlen. So kostet ein Liter normaler Tomatenketchup der Marke Heinz 3,98 Euro. Ein Liter Kinderketchup desselben Herstellers ist 0,50 Cent teurer.

Dabei ist umstritten, ob sich die zusätzliche Investition überhaupt lohnt. Zwar kommen die zahlreichen Produkte kindgerecht, modern und gesund daher. Doch Ernährungsexperten warnen, dass sich aus ernährungsphysiologischer Sicht nichts verbessert habe. Selbst eine fettreduzierte und mit Calcium angereicherte Kinderwurst biete keinen Vorteil gegenüber herkömmlichen fettarmen Sorten, sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung. „Wurst bleibt Wurst und kann keine ausgewogene Ernährung ersetzen.“ Auch die Anreicherung der Lebensmittel mit Vitaminen und Nährstoffen sei unsinnig, denn diese werden von Kindern in dem Maße gar nicht gebraucht. Eltern werde vorgegaukelt, dass sie ein tolles Produkt für ihr Kind kaufen. Nur lässt sich die Industrie das ruhige Gewissen häufig teuer bezahlen.

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