Wirtschaft : Bahn beharrt auf neuem Tarifsystem

Wachsende Kritik an der Preisgestaltung / Verkehrsministerium spricht von Startschwierigkeiten

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Berlin (pet). Nach heftiger Kritik von Fahrgastverbänden und Verbraucherschützern am neuen Preissystem der Bahn hat jetzt auch das Bundesverkehrsministerium Probleme eingeräumt. „Es gibt ganz offensichtlich Startschwierigkeiten“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums am Montag in Berlin. Auch die Bahngewerkschaft Transnet sprach von „nicht zu übersehenden Problemen“. Die Deutsche Bahn wies alle Vorwürfe zurück. Sie kündigte juristische Schritte gegen den Vorsitzenden des Fahrgastverbandes Pro Bahn, KarlPeter Naumann, an. Er hatte in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ gesagt, jeder zweite Bahnkunde zahle zu viel für sein Ticket.

Ob auch eine Schadenersatzklage gegen Naumann beantragt werde, sei noch nicht entschieden, sagte Bahn-Sprecher Gunnar Meyer dieser Zeitung am Montag. Nach heftiger Kritik der Bahn nahm der Pro-Bahn-Chef am Montag einen Teil seiner Äußerungen zurück. Er räumte ein, dass nur „50 Prozent der Kunden, die an einem Testkauf teilgenommen haben, vermutlich zu viel Geld für ihr Ticket bezahlt haben“. Bei der Stichprobe am vergangenen Freitag waren nach Angaben des Bahnkritikers drei Verbindungen an fünf verschiedenen Schaltern der Bahn nachgefragt worden. Dabei sei „eine bunte Vielfalt an Auskünften“ erteilt worden. Dafür sei die Deutsche Bahn selbst verantwortlich: Das Preissystem sei zu kompliziert, viele Bahnangestellte kämen mit dem „Preiswirrwarr“ nicht zurecht, kritisierte Naumann.

Bahnchef Hartmut Mehdorn, der das neue Tarifsystem erst vor einer Woche eingeführt hatte und sich seitdem viel Kritik gefallen lassen musste, reagierte wütend. „Es reicht jetzt wirklich“, sagte Mehdorn. „Aus schierem Populismus mal eben zu behaupten, wir würden täglich die Hälfte unserer Kunden übers Ohr hauen, ist unglaublich.“ Die Behauptung, jeder zweite Kunde zahle zu viel für sein Ticket, sei falsch, sagte Mehdorn.

Auch nachdem Pro-Bahn-Chef Naumann seine Kritik abgeschwächt hatte, hielt die Bahn an ihrem Plan fest, juristische Schritte gegen ihn einzuleiten. „Das Image des Unternehmens ist in hohem Maße beschädigt worden“, sagte Bahn-Sprecher Meyer. Über die Konsequenzen wollten die Bahn-Juristen im Laufe des Tages entscheiden. Das Ergebnis lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht vor.

Bahnkritiker Naumann rechnet allerdings nicht mit einer Klage. „Die Bahn hat schon viel gedroht“, sagte er. Im Übrigen seien die Erfolgsaussichten einer Schadenersatzklagegering. „Die Bahn müsste nachweisen, wie hoch der angebliche Schaden ist und dass das Tarifsystem gut ist“, sagte Naumann. „Das kann sie nicht.“

Das neue Tarifsystem der Bahn ist seit dem 15. Dezember in Kraft. Es bietet Kunden unter bestimmten Voraussetzungen Preisnachlässe von zehn bis 40 Prozent. Das Ticket wird umso günstiger, je früher es gebucht wird. Teuer wird das Ticket für Kunden, die sich erst kurz vor Fahrtantritt ein Ticket kaufen: Sie zahlen den höchsten Preis. Wer seinen Zug verpasst oder das Ticket umtauschen will, muss mit hohen Stornogebühren rechnen. Das ist einer der Gründe, warum die Stiftung Warentest dem neuen Tarifsystem nur die Note „ausreichend“ gegeben hatte.

Der Kritik am neuen Tarifsystem schlossen sich am Montag sogar Eisenbahner an. Der Chef der Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, sprach von „unübersehbaren Problemen“. Als besonders gravierend schätzten Bahn-Beschäftigte die Reservierung der günstigsten Preise ein: Die Kontingente seien oft schon vergriffen. Dadurch entstehe an den Schaltern weiterer Beratungsbedarf. Hansen forderte die Bahn auf, zur Mitte der Fahrplanperiode im März Bilanz zu ziehen. „Sollten bestimmte Probleme weiter auftauchen, muss korrigiert werden.“ Die Bahn hat bisher alle Forderungen nach einer Nachbesserung des Tarifsystems zurückgewiesen. Das Bundesverkehrsministerium will sich noch nicht in den Tarifstreit einmischen. „Der Kunde wird entscheiden“, sagte eine Sprecherin am Montag.

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