Wirtschaft : Bahn dämmt Korruption ein

Konzern zieht positive Bilanz im Kampf gegen Unregelmäßigkeiten / 430 Fälle in fünf Jahren

Bernd Hops

Berlin - Die Person ist um die 40, hat eine gehobenere Stellung im Betrieb, lebt in geordneten Verhältnissen, arbeitet schon mehrere Jahre auf ihrem Posten – und ist ein Mann. Menschen, auf die diese Kriterien zutreffen, sind besonders anfällig für Korruption. Ansonsten hat die Deutsche Bahn kein Muster festgestellt, wenn es um die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten und kriminelle Machenschaften im Konzern geht. Vor fünf Jahren hat Bahnchef Hartmut Mehdorn das Thema Korruption zur Chefsache gemacht. Am Dienstag zog das Unternehmen Bilanz in Berlin. „Wir haben das Problem in den Griff bekommen“, sagte die Compliance-Beauftragte Regina Puls. Ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag sei bisher als Schadenersatz geltend gemacht worden. 430 Fälle wurden behandelt, in 124 dieser Fälle wurden Strafanzeigen erstattet beziehungsweise die Ermittlungsbehörden unterstützt.

Durch die Bücher der Bahn gehen jedes Jahr Milliardenbeträge an eigenen Investitionen und Bundesmitteln, die die Bahn für die Infrastruktur erhält. Das bietet eine Menge Spielraum für Mauscheleien. Zur Bekämpfung hat Bahnchef Mehdorn kurz nach seinem Amtsantritt ein System mit zwei Ombudsleuten durchgesetzt – beides Anwälte, die von Amts wegen niemandem gegenüber die Identität ihrer Tippgeber offen legen müssen. Ombudsmann Rainer Buchert sagte: „Den meisten, die uns Informationen geben, geht es einfach um Gerechtigkeit.“ In etwa gleichem Maße meldeten sich Bahnmitarbeiter und Geschäftspartner, die etwa bei einer Ausschreibung benachteiligt worden waren. Anti-Korruptionsorganisationen geben der Bahn gute Noten. Vor allem das System mit den Ombudsleuten habe sich bewährt, heißt es bei Transparency International, und bescheinigt der Bahn Entschiedenheit im Kampf gegen Korruption.

Wer auffliegt, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Ende Januar wurde ein Bahnbeamter zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er zwei Gleisbaufirmen für ein Schmiergeld von etwa 1,2 Millionen Euro Aufträge zugeschustert hatte. Zudem wurden von ihm Rechnungen abgezeichnet, ohne dass die Unternehmen eine Gegenleistung erbrachten. Schaden: rund 2,4 Millionen Euro. „Mit dem ersten Hinweis in dem Fall haben wir zunächst nicht viel anfangen können“, erzählte Ombudsmann Edgar Joussen. Bei Scheinrechnungen sei den Beteiligten sehr schwer beizukommen. „Da brauchen sie einen Tipp – und den haben wir dann auch bekommen.“

Allerdings fällt es der Bahn nicht leicht, auf Geschäftsbeziehungen zu Firmen zu verzichten, die unter Korruptionsverdacht stehen. Auftragssperren gibt es nur dann, wenn ein „dringender Tatverdacht“ besteht. Dafür müssen aber belastende Unterlagen ausgewertet worden sein – was im Fall etwa des Ersatzteillieferanten Topro (Tagesspiegel vom 20. Februar) noch nicht geschehen ist.

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