Bahn : "Der Staat verschenkt eine Milliarde"

Bahn-Konkurrenten fühlen sich gegenüber dem Ex-Monopolisten benachteiligt. Sie verlangen eine stärkere Öffnung des Marktes und eine intensivere Regulierung.

Carsten Brönstrup
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Berlin - Die Konkurrenten der Deutschen Bahn sehen sich im Wettbewerb mit dem Staatskonzern massiv benachteiligt. „Das Ergebnis von 15 Jahren Wettbewerb auf der Schiene ist enttäuschend“, sagte Wolfgang Meyer, Präsident des Anbieter-Verbandes Mofair, am Montag in Berlin. Er verlangte eine stärkere Öffnung des Marktes und eine intensivere Regulierung. Allein im Regionalverkehr gingen durch Ineffizienzen pro Jahr eine Milliarde Euro verloren, wie aus einem Gutachten zum Wettbewerb auf der Schiene hervorgeht, das Mofair und zwei weitere Verbände in Auftrag gegeben haben. „Wir verschenken riesige Potenziale“, sagte der Autor der Analyse, Michael Holzhey von der Beratungsfirma KCW.

Holzheys Berechnungen zufolge ist die Bahn noch immer der dominante Anbieter. Im Nahverkehr habe ihr Anteil 2008 – gemessen an den pro Kunde gefahrenen Kilometern – bei rund 90 Prozent gelegen, im Fernverkehr mit IC- und ICE-Zügen sogar bei mehr als 99 Prozent. Am intensivsten sei die Konkurrenz noch beim Gütertransport, hier seien die Privatbahnen im vergangenen Jahr auf 21 Prozent Marktanteil gekommen. Das Wachstum der vergangenen Jahre in diesem Segment gehe vor allem auf das Konto der Wettbewerber, sagte Holzhey.

Als Grund führen die Konkurrenten Hindernisse durch Politik und Bahn an. Die Bahn habe „das härteste Monopol in Deutschland, aber die schwächste Regulierung“, beklagte Meyer“. Die Länder müssten mehr Strecken im Wettbewerb vergeben, dann ließen sich für das gleiche Geld mehr Züge bestellen. Im Regionalverkehr beauftragen die Länder mit Geld des Bundes – sieben Milliarden Euro pro Jahr – Firmen damit, Zugverbindungen zu fahren.

Ein Wettbewerb um lukrative Strecken läuft derzeit in Berlin und Brandenburg. Hier sucht der Verkehrsverbund ab Ende 2011 einen Betreiber für die Hälfte aller Zugstrecken, der Auftrag ist 1,3 Milliarden Euro wert. Allerdings gibt es nur zwei Bieter – die Bahn und Benex, ein Unternehmen der Stadt Hamburg. Das Verfahren werde zu einer Einsparung von 30 Millionen Euro pro Jahr, einer besseren Qualität und einem größeren Angebot für die Fahrgäste führen, erklärte der VBB. Eine Entscheidung, wer wofür den Zuschlag bekommt, soll im Herbst fallen. Klar ist schon, dass die Bahn einen Teil der Aufträge verlieren wird – die Ausschreibung sieht vor, dass nicht ein Anbieter alle Strecken gewinnen darf.

Probleme im Wettbewerb sehen die Privatbahnen auch im Güterbereich. Mit Blick auf den Börsengang habe die Bahn Weichen, Abstell- und Überholgleise abgebaut und damit die Kapazität des Netzes verknappt. Die Macht der Bahn über das Netz halten die Unternehmen in allen Sparten für das Grundübel: Sie sei „Spieler und Schiedsrichter zugleich“, sagte KCW-Mann Holzhey, und blockiere etwa den Zugang zum Fahrscheinvertrieb der Bahn. Auch verhindere sie, dass sich Konkurrenten preiswert Strom einkaufen könnten, da sie hohe Gebühren für die Durchleitung verlange. Insgesamt, so beklagen die Privaten, habe die Bahn Einfluss auf 60 Prozent der Kosten ihrer Konkurrenten – durch Trassen- und Bahnhofsgebühren, Energie- und Vertriebskosten.

Die Bahn wies die Vorwürfe zurück. „Studien belegen, dass der deutsche Schienenverkehrsmarkt zu den liberalsten in Europa zählt“, erklärte Personenverkehrs-Vorstand Karl-Friedrich Rausch. Carsten Brönstrup

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