Wirtschaft : Bahn fordert Millionen von Adtranz

BERLIN (alf).Die Adtranz Deutschland muß mit Schadensersatzforderungen der Bahn in zweistelliger Millionenhöhe rechnen.Aufgrund gravierender Mängel am Neigetechnikzug VT 611 konnten die Züge nicht wie geplant im regionalen Nahverkehr eingesetzt werden, die dadurch entstandenen Kosten will sich die Bahn nun vom Hersteller zurückholen.Hartmut Sommer, für den Nahverkehr zuständiger Sprecher der Bahn, sagte am Mittwoch auf Anfrage, kein einziger der 50 ausgelieferten Züge sei einwandfrei funktionsfähig gewesen.Unter anderem hätten Getriebeteile ausgetauscht und bei allen Fahrzeugen die Koppelstange ausgewechselt werden müssen.Adtranz-Sprecherin Elke Hasenecker bestätigte, daß es "Probleme bei der Einführung des Zuges" gegeben habe, die bis Ende des Jahres "vollständig ausgeräumt" seien.Eine mögliche Regreßforderung "kann ich nicht bestätigen", sagte Hasenecker.Der VT 611 wurde überwiegend in Hennigsdorf produziert; aus dem dortigen Werk stammt auch das Nachfolgemodell VT 612, von dem die Bahn bislang 150 Einheiten bestellt hat.

Sommer zufolge hat der "große Eingriff in die Technik" im Rahmen der Mängelbeseitung dazu geführt, daß das Eisenbahnbundesamt den Zug neu zulassen müsse.Während des Zulassungsverfahrens dürfe der Zug nur 120 Stundenkilometer statt der vorgesehenen 160 km/h fahren.Deshalb hätten in einigen Bundesländern die Nahverkehrsbetriebe Fahrpläne revidieren müssen, hier und da gebe es nun Probleme bei der Anbindung an den Fernverkehr.Auch seien Fahrzeuge ausgewechselt worden.Aus Verärgerung über die Mängel haben die Bundesländer die Bezahlung auf Eis gelegt.Dabei funktioniert die Arbeitsteilung zwischen Bahn und Ländern folgendermaßen: Die Bahn kauft die Züge, bekommt dafür jedoch einen Finanzierungsanteil von durchschnittlich rund 50 Prozent von dem Bundesland, das den Zug im Nahverkehr einsetzt.Wegen der technischen Unzulänglichkeiten haben die Länder nun ihre Zahlungen an die Bahn auf Eis gelegt.Die Gelder sollen erst dann wieder fließen, wenn die neue Zulassung da ist.Der VT 611 fährt gegenwärtig in Baden-Würtemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz sowie auf der "Eifelstrecke".Der Einsatz des Nachfolgemodells VT 612 ist in Bayern und den neuen Bundesländern geplant.

Unterdessen setzte sich in Berlin der Protest gegen die Schließung des Adtranz-Werkes in Pankow fort.In einem Autokorso vom Werksstandort in der Lessingstraße bis zum Haus der Adtranz-Holding am Saatwinkler Dammm demonstrierten am Mittwoch 250 Beschäftigte mit 150 Pkw.Wie die IG Metall mitteilte, wurde der Adtranz-Geschäftsführung eine Liste mit Protestunterschriften übergeben.Auf einer Kundgebung wurde die Geschäftsführung aufgefordert, den Stillegungsbeschluß aufzuheben.Stattdessen sollte ein Konzept zum Erhalt des Standortes Pankow als Entwicklungs-, Forschungs- und Montagewerk von Adtranz Deutschland erarbeitet werden.Das Unternehmen will bis Ende des Jahres 2000 die Belegschaft um 1400 auf 6000 reduzieren.Im Rahmen der Umstrukturierung soll das erst 1997 eröffnete Pankower Werk mit rund 350 Beschäftigten geschlossen werden.Ein Teil der betroffenen Mitarbeiter soll am Standort Hennigsdorf einen Arbeitsplatz bekommen.

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