Bahn-Gewerkschaft : Transnet zerlegt sich

Vorstandschef Lothar Krauß tritt ab – die Basis hadert mit seiner Rolle beim Börsengang und bei den Boni für den Vorstand.

Carsten Brönstrup

Berlin - Der Streit um den Börsengang der Bahn hat den Vorsitzenden der Gewerkschaft Transnet das Amt gekostet. Lothar Krauß, der erst seit Mai die Organisation führt, erklärte am Mittwoch nach einer Krisensitzung des Vorstands, dass er auf dem anstehenden Gewerkschaftstag nicht erneut für den Spitzenposten kandidieren werde. Er wolle nicht zulassen, dass „eine Personaldiskussion unsere Gewerkschaft in eine Lagerdebatte spaltet und trennt“, sagte er. Als neuen Chef nominierte die Transnet-Führung den Vizevorsitzenden Alexander Kirchner.

Krauß sagte zur Begründung, die Arbeitnehmerorganisation befinde sich „in einer ihrer schwierigsten Zeiten“. Der interne Streit habe „an Härte und Umfang einen traurigen Höhepunkt gesetzt“ und die Mitglieder verunsichert. Nötig sei nun „inhaltliche Geschlossenheit und eine Führung, die von breiten Mehrheiten getragen wird“. Der am Sonntag beginnende Gewerkschaftstag müsse einen „Neuanfang“ möglich machen. Krauß hatte sich eigentlich am Montag bestätigen lassen wollen. „Der wollte einer Klatsche aus dem Weg gehen“, hieß es in Gewerkschaftskreisen. Der Krach kommt für das Arbeitnehmerlager zur Unzeit. Im Januar stehen Tarifverhandlungen an. Die Runde dürfte schwierig werden, da Transnet und die kleinere GDBA trotz der Wirtschaftskrise zehn Prozent mehr Geld fordern.

Der 52-jährige Krauß hatte den Vorsitz der größten Bahn-Gewerkschaft übernommen, nachdem ihr langjähriger Chef Norbert Hansen im Mai überraschend als Arbeitsdirektor zur Deutschen Bahn gewechselt war. Dies hatte für enormen Unmut bei den Arbeitnehmern gesorgt. Manche verdächtigen Hansen, den Privatisierungskurs von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn jahrelang vor allem aus Eigeninteresse gestützt zu haben. Viele Gewerkschafter hatten sich nach Hansens Abgang eine kritischere Haltung der Transnet zum Börsengang gewünscht. Doch die gab es bislang nicht – wohl auch, weil Krauß lange eng mit Hansen im Transnet-Vorstand und im Bahn-Aufsichtsrat zusammengearbeitet hatte. Als einzige Organisation im Deutschen Gewerkschaftsbund unterstützte sie bislang das Projekt. „Wenn wir ihn schon nicht verhindern können, müssen wir ihn mitgestalten“, findet ein hochrangiger Funktionär. Dagegen verlangt die börsenkritische Transnet-Initiative „Bahn von unten“ eine Abkehr von den Plänen. „Jetzt ist endlich die Gelegenheit“, frohlockt ihr Sprecher Hans-Gerd Öfinger. Er verlangte eine Grundsatzdebatte über das Thema.

Krauß geriet zudem in den Ruch der Kumpanei. Im Juni segnete er im Personalausschuss des Aufsichtsrats die Bonuszahlungen für den Bahn-Vorstand ab, die dieser im Rahmen des Börsengangs bekommen sollte – Hansen inklusive. Seinen Gewerkschaftskollegen sagte er zunächst nichts davon – die stritten pikanterweise gerade mit der Bahn um Details der neuen Gehaltsstruktur. Als die Boni dann publik wurden, forderte Krauß eine Aufsichtsratssitzung, um das Thema „offen zu diskutieren“. Am Tag darauf wandte er sich gegen die Boni und verlangte einen „Achsen-Bonus“ für die Mitarbeiter, die unter den schadhaften ICE-Achsen zu leiden hätten. „Der Krauß schwebt über den Dingen, das war ein krasser Kommunikationsfehler“, heißt es im Arbeitnehmerlager. „Hätte er die Basis rechtzeitig informiert und nicht sein Heil in Ausflüchten gesucht, wäre es nicht so weit gekommen.“ Zuletzt hatte es Probeabstimmungen in mehreren Transnet-Bezirken gegeben. Der Ausgang war für Krauß verheerend.

Der designierte Vorsitzende Kirchner (52) gilt als Tarifexperte. Auch er stand stets an Hansens Seite und war bereits im Frühjahr für dessen Nachfolge im Gespräch. Für ihn spreche das hohe Ergebnis von 4,5 Prozent mehr Geld in der letzten Tarifrunde, sagte ein führender Gewerkschafter. „Der hat mehr rausgeholt als die IG Metall – und deshalb ein viel besseres Standing als Krauß.“ Kirchner muss mit einer schwindenden Machtbasis kämpfen – die Transnet zählte Ende 2007 nur noch 237 000 Mitglieder, fast 9500 weniger als ein Jahr zuvor.

Die mit Transnet konkurrierende Lokführergewerkschaft GDL freut sich jedenfalls auf die neue Führung. „Wir begrüßen einen Wechsel an der Spitze“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky auf Anfrage. Dies biete die Chance für einen Neuanfang. „Vielleicht ergibt sich unter einer neuen Führung auch ein entspannteres Verhältnis der Gewerkschaften untereinander“, sagte er mit Blick auf die heftigen Konflikte der vergangenen Jahre.

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